Herr Professor Ganten, ab Mittwoch kommen in Berlin gut 40 Wissenschaftler, Philosophen und Juristen zusammen, um über das Klonen zu debattieren. Geht es aus wissenschaftlicher Sicht darum, ein generelles Klonverbot durch die Uno bei den bevorstehenden Verhandlungen im Herbst zu verhindern?
Der Molekulargenetiker Detlev Ganten, 62, ist Gründungsdirektor des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin in Berlin-Buch und Vorsitzender der Helmholtz-Gemeinschaft Deutscher Forschungszentren.
SPIEGEL ONLINE: Dennoch sagt schon die interdisziplinäre Zusammenstellung der Teilnehmer, dass auch rechtliche Beschränkungen der Forschung auf dem Programm stehen.
Ganten: Auf der Konferenz wird sich die grundsätzliche Frage stellen, wie weit wir überhaupt mit gesetzlichen Regelungen gehen können. Natürlich muss ein Regelungsbedarf definiert werden. Der Gesetzgeber wäre aber nicht gut beraten, auf diesem Gebiet, das sich so schnell entwickelt, den Forschungsergebnissen mit detaillierten Gesetzen vorzugreifen. Gesetzliche Regelungen müssen so allgemein sein, dass sie über einen längeren Zeitraum Bestand haben können.
SPIEGEL ONLINE: Gerade erst überraschte der in den USA arbeitende deutsche Molekularbiologe Hans Schöler mit der Entdeckung, dass aus Kulturen mit embryonalen Stammzellen Eizellen heranwachsen können. Wie wichtig ist diese Beobachtung?
Ganten: Die Erkenntnis, dass sich in embryonalen Stammzellkulturen offensichtlich spontan Eizellen bilden, hat weit reichende Folgen für den Umgang mit embryonalen Stammzellen. Allerdings entstanden die Eizellen aus Mäusestammzellen. Eine praktische Konsequenz für das therapeutische Klonen hätte diese Technik nur, wenn sie auch bei Primaten möglich ist. Das ist nicht garantiert, weil diese Prozesse bei verschiedenen Spezies sehr unterschiedlich ablaufen. Aber zumindest ist ein wichtiger neuer Forschungszweig damit eröffnet.
SPIEGEL ONLINE: Um mit dem therapeutischen Klonen zum Beispiel Ersatzorgane züchten zu können, werden bislang gespendete Eizellen benötigt. Wenn sich auch menschliche Eizellen in der Petrischale bilden, dann ließe sich dieses ethische Problem nach den Hoffnungen Schölers lösen. Teilen Sie diese Einschätzung?
Ganten: Tatsächlich könnten sich zumindest in diesem Punkt ethische Bedenken relativieren, die gegen das therapeutische Klonen vorgetragen werden. Davon abgesehen ist es natürlich für uns in Deutschland auch interessant, dass sehr gute Wissenschaftler ihre Forschungen auf diesem Gebiet hier nicht durchführen können und deshalb in die USA gegangen sind. Dieser wissenschaftspolitische Gesichtspunkt ist auch nicht unbedeutend in der jetzigen Diskussion.
SPIEGEL ONLINE: Stehen uns weitere wissenschaftliche Überraschungen bevor, die ethische Bedenken ausräumen könnten?
Ganten: Neue Ergebnisse lassen sich nie ableiten von Bekanntem. Das gilt in doppelter Hinsicht: Sie können ethische Bedenken vermindern, aber auch verstärken. Ich würde deshalb nicht dafür plädieren, dass die Ethiker ihre Sorgen abgeben oder verstärken sollen. Wachsamkeit ist immer gefragt, nicht nur bei Ethikern.
SPIEGEL ONLINE: In welchem Bereich erwarten sie am ehesten neue Erkenntnisse, die Auswirkungen auf die ethische Debatte haben könnten?
Ganten: Die Gewinnung von Eizellen aus Stammzellkulturen zeigt, dass die Zellentwicklung in zwei Richtungen ablaufen kann: von der embryonalen, pluripotenten Zelle zur gewebsspezifisch differenzierten Zelle, aber auch zurück zur Embryonalisierung und Totipotenz. Das eigentliche Ziel der Stammzellforschung ist es, besser zu verstehen und möglicherweise zu beeinflussen, auf welche Weise sich Zellen in beide Richtungen entwickeln. Dann ist, wenn wir von der Anwendung solcher Zellen in der Medizin sprechen, der Ausdruck "therapeutisches Klonen" möglicherweise gar nicht mehr der richtige.
SPIEGEL ONLINE: Welche Bezeichnung würden Sie vorziehen?
Ganten: Ich würde es "Herstellung und Transplantation von Zellen in unterschiedlichem Differenzierungsstand" nennen. Es geht darum, Zellen in einer Kultur so vorzubereiten, dass sie einen medizinischen Zweck erfüllen. Sie könnten etwa bei einem Parkinson-Patienten neuronale Funktionen ausüben oder bei einem Diabetes-Patienten helfen, Insulin herzustellen. Um diese Differenzierung zu betreiben, genügen möglicherweise einige wenige Stammzelllinien, so dass wir gar nicht immer wieder neue Zellen herzustellen brauchen. Denkbar wäre auch, dieses Zellreservoir in Hinblick auf Immuntoleranz und Verträglichkeit so zu beeinflussen, dass wir standardisierte Zellen für den therapeutischen Einsatz erhalten. Diese Zukunftsvision wird durch die derzeitigen Ergebnisse eher gestärkt.
SPIEGEL ONLINE: Gegen das reproduktive Klonen sprechen unter anderem die geringe Erfolgsquote und die vielen Missbildungen im Tierversuch. Technisch gesehen ist das therapeutische Klonen ein ähnlicher Vorgang. Wie kann man sicher sein, dass zum Beispiel Nervenzellen, die auf diese Weise hergestellt werden, sich im Körper normal verhalten?
Ganten: Das therapeutische Klonen befindet sich noch in einem experimentellen Forschungsstadium, es ist weit entfernt von der praktischen Anwendung. Wir sind da vor Überraschungen positiver wie negativer Art nicht gefeit. Ich wage keine Vorhersage darüber, wann eine solche Methode wirklich anwendbar und welcher Weg letztendlich erfolgreich sein wird. Allerdings plädiere ich mit Nachdruck dafür, in Deutschland nicht darauf zu warten, dass mögliche medizinische Anwendungen ausschließlich im Ausland erforscht werden.
Das Interview führte Sabine Moser.
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