Von Markus Becker
Es war eine verhängnisvolle Kettenreaktion, die nach ersten Erkenntnissen zum Stromausfall in den USA führte. Ein großes Kraftwerk fiel aus, blitzschnell pumpten andere Kraftwerke mehr Energie ins Netz, um den Verlust aufzufangen - und verstärkten damit das Problem, denn unter der höheren Last brachen offenbar die Leitungen zusammen.
Deutsche Energie-Konzerne schließen ein vergleichbares Szenario für Deutschland aus: Das hiesige Netz sei belastbarer, leistungsfähiger und sicherer. "Die deutsche Infrastruktur ist technologisch auf einem höheren Standard als in den USA", bestätigte Wolfgang Irrek vom Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Unser Spinnennetz ist engmaschiger."
Kaputtgespart durch scharfen Wettbewerb
Nach Ansicht anderer Experten verhindern die Verbundnetze der Energieversorger in Mitteleuropa gigantische Stromausfälle wie in Nordamerika. So sei bei der hitzebedingten Stromkrise in Norditalien Energie aus nördlichen Ländern geliefert worden, sagte Hans Ulrich Schmidt vom Fraunhofer-Institut für Naturwissenschaftlich-Technische Trendanalysen. "So etwas ist in den USA leider nicht möglich." Der Grund sei der scharfe Wettbewerb im liberalisierten Strommarkt und das dadurch kaputtgesparte Leitungsnetz.
Strommasten in der Nähe eines Schweriner Umspannwerkes: Belastbares Leitungsnetz
Deren Wegfall im Zuge der Liberalisierung könne durchaus die Gefahr amerikanischer Verhältnisse bergen, denn unter starkem Preis- und Konkurrenzdruck würden Investitionen in Leitungsnetze und Überkapazitäten sukzessive wegfallen. Schon mahnen Umweltschützer negative Folgen der Liberalisierung an. Wolfgang Traube vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) etwa warnte vor einem Rückgang der Investitionen in Kraftwerke - auch wenn dort Strom aus Kohle und Atomkraft gewonnen wird.
Sicherheit durch Dezentralisierung
Die Liberalisierung des Strommarkts könnte indes gerade für erneuerbare Energien die bisher fehlende Chance bieten. Geringere Investitionen in Kraftwerke und Hochspannungsleitungen sind laut Irrek nur dann ein Problem, wenn, wie in den USA, die Stromproduktion auf große Kraftwerke ausgerichtet bleibe. "Wenn die Stromversorgung in Deutschland dezentralisiert wird, bietet das nicht nur die Chance für eine nachhaltige Energieproduktion, sondern auch größere Sicherheit vor großflächigen Stromausfällen."
Irreks Rechnung ist einfach: Nur ein großes Kraftwerk kann durch einen Ausfall auch ein großes Loch reißen. Ein System kleinteiliger Stromversorgung - manche Modelle regen gar Brennstoffzellen-Minikraftwerke für einzelne Wohnhäuser an - berge eine weit geringere Gefahr weiträumiger Blackouts. Zugleich müssten weniger große und kostspielige Überkapazitäten bereitgestellt werden, um große Ausfälle ausgleichen zu können.
Forderung nach unterschiedlichen Energieformen
Bei Greenpeace ist man offenbar ähnlicher Meinung. "Nur bei einer dezentralen Versorgung und einem Strommarkt, der sich auf viele unterschiedliche Energien, also nicht nur Atomkraftwerke, sondern auch auf Wind-, Solar- und Bioenergie stützt, sind Stromausfälle dauerhaft auszuschließen", sagte Greenpeace-Experte Jörg Feddern.
Für den Aufbau eines solchen Netzes aber müsse die Politik endlich die geeigneten Voraussetzungen schaffen. "Die Netzbetreiber sind zum Teil durchaus bereit, in erneuerbare Energien und die dafür notwendige Infrastruktur zu investieren", sagt Irrek. "Was fehlt, ist eine effektive Regulierungsbehörde."
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