Von Markus Becker
Passives Radar ist für Militärs äußerst interessant. Da es kein eigenes Signal aussendet, sind Anti-Radar-Raketen, die auf dem Ortungsstrahl von Luftabwehrbatterien surfen, nutzlos. Kampfjet-Piloten könnten nicht einmal ahnen, dass ihre Bewegungen überhaupt verfolgt werden. Die US-Strategen dürften der neuen Technologie mit entsprechend gemischten Gefühlen entgegen sehen, denn der Himmel über den Krisenregionen der Welt gehört nahezu ausschließlich amerikanischen Flugzeugen. Es würden in erster Linie die militärischen Underdogs von der spottbilligen Passivradar-Technologie profitieren. Ein früher "Celldar"-Prototyp von 1999 etwa bestand aus einem handelsüblichen PC und den Innereien zweier Handys. Kostenpunkt laut Roke Manor: weniger als 3000 Euro.
Gefahr für die Tarnkappenbomber
Was den Planern im Pentagon aber noch größere Sorgen bereiten dürfte, ist die Tatsache, dass die sündhaft teuren Tarnkappenbomber vom Typ B-2 und F-117 ihren entscheidenden Vorteil verlieren könnten. Die "Stealth"-Flugzeuge sind für gegnerisches Radar nahezu unsichtbar, weil sie keine klaren Echos zurückwerfen. Das Ortungssignal wird durch die beinahe nahtlose Hülle, die spezielle Lackierung und die besondere Form der Jets in alle Winde zerstreut. Ein passives Radarsystem, das die Echos zahlreicher Quellen auswertet, könnte nach Ansicht von Experten dagegen sehr wohl einen "Stealth"-Bomber orten. Die B-2 und die F-117 besitzen keine Waffensysteme zur Selbstverteidigung und fliegen ohne Begleitschutz in feindliches Territorium - einzig geschützt durch ihre Unsichtbarkeit. Wäre sie verschwunden, böten die schwerfälligen Tarnkappenbomber leichte Ziele.
Die von Lockheed Martin genutzten Rundfunksender haben zwar mit rund 200 Kilometern eine zehn Mal höhere Reichweite als die "Handy-Spargel", doch letztere sind wesentlich kleiner, in großer Zahl flächendeckend über das Land verteilt und bevorzugt in Städten installiert - was sie für Luftangriffe zu einem kniffligen Ziel macht. Stattdessen könnten die Kampfflieger selbst zur Zielscheibe werden, ohne auf die für Anti-Radar-Raketen unsichtbaren Lauscher feuern zu können.
"Man kann ein ganzes Land überwachen"
Sicherheitsbehörden versprechen sich vom Passivradar den Vorstoß in neue Dimensionen der Überwachung. Mit einem "Celldar"-System an Bord eines "Awacs"-Flugzeugs ließe sich nach Worten von Roke-Manor-Entwicklungschef Peter Lloyd "ein ganzes Land verdeckt überwachen", nur indem man an seinen Grenzen entlang fliegt. In einer Pressemitteilung behauptete die britische Firma gar, "Celldar" könne auch einzelne Menschen "auf militärisch nutzbare Entfernungen" verfolgen. Das Dokument sorgte für reichlich Wirbel unter britischen Medien und Datenschützern - und wurde von Roke flugs zurückgezogen.
Die Big-Brother-Szenarien, die bei dieser Gelegenheit beschworen wurden, könnten allerdings wahr werden. Denn passive Radarsysteme dürften in absehbarer Zeit selbst für Hobbybastler erschwinglich werden - eben jene Klientel, die sich heute einen Spaß daraus macht, mit so genannten Scannern den Polizeifunk und das Schnurlostelefon des Nachbarn anzuzapfen. Zwar ist die Lauscherei in Deutschland illegal, doch das schert wenige - man sendet schließlich kein verräterisches Signal. So lange der Lauscher passiv in seinem stillen Kämmerlein sitzt, wird er unbemerkt bleiben.
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