SPIEGEL ONLINE: Wird es zu einer Verurteilung der EU durch die WTO kommen?
Meacher: Das ist schwer zu sagen, aber auf jeden Fall sind in dieser Situation die Ergebnisse der britischen Großversuche ein Geschenk für die acht Moratoriumsstaaten, denn sie liefern den wissenschaftliche Beweis: Genmodifizierte Pflanzen sind ein Risiko für die Umwelt.
SPIEGEL ONLINE: Das wichtigste Argument der US-Regierung und der Vertreter der GM-Firmen ist inzwischen, dass sich mit genmanipulierten Pflanzen der Hunger in der Dritten Welt besiegen ließe. Stimmt das?
Meacher: Das ist ein absolut lächerliches Argument. Die wichtigsten Ursachen dafür, dass schätzungsweise 800 Millionen Menschen täglich hungrig zu Bett gehen, sind der ungerechte Welthandel, unfähige und korrupte Regierungen in der Dritten Welt sowie eine schlechte Verteilung des Landes. Wenn wir wirklich etwas dagegen unternehmen würden, gut! Aber zu glauben, dass sich mit GM-Pflanzen der Hunger besiegen ließe ist lächerlich. Es ist empörend, dass Monsanto seine bösartige kommerzielle Gier jetzt hinter der Maske des Wohltäters verstecken will. Der Welthunger ist denen doch vollkommen egal, sie wollen nur ihre Produkte in der Dritten Welt verkaufen.
SPIEGEL ONLINE: Die britische Regierung hat eine große öffentliche Debatte über Gentechnik initiiert. Wie erklären Sie es, dass die überwältigende Mehrheit der Briten, aber auch die Vertreter des Lebensmittelshandels die Einführung von genmanipulierten Pflanzen resolut ablehnen?
Meacher: Die Briten haben mehr als andere Europäer unter Lebensmittelskandalen gelitten. Als es um den Rinderwahn ging, haben die Regierung und die sie beratenden Wissenschaftler über Jahre abgestritten, dass beschädigte Prionen von Rindern auf Menschen übergehen könnten - und das war schlicht falsch.
SPIEGEL ONLINE: Es herrscht demnach ein tiefes Misstrauen.
Meacher: Die Menschen misstrauen den Wissenschaftlern, aber noch mehr den Politikern. Außerdem hassen sie Monsanto und George W. Bush und haben den Eindruck, dass die Amerikaner dem Rest der Welt den Anbau von genmanipulierten Pflanzen aufoktroyieren wollen.
SPIEGEL ONLINE: Der derzeitige Tenor in der GM-Debatte ist, dass der Anbau genmodifizierter Pflanzen wohl Risiken für die Umwelt birgt, ihr Verzehr aber unbedenklich ist.
Meacher: Anfänglich glaubte die britische Regierung, dass es auch keine Risiken für die Umwelt gäbe. Die Großversuche haben gezeigt, dass das falsch ist. Ich vermute deshalb, dass die Regierung bei Versuchen zu möglichen Gesundheitsschäden erneut ein paar Schocks erleben könnte. Ich sage nicht, dass GM-Nahrungsmittel gefährlich sind, ich sage, wir wissen es nicht. Niemand weiß das, bevor wir nicht systematische Versuche angestellt haben.
SPIEGEL ONLINE: Gibt es keinerlei Untersuchungen dazu?
Meacher: Es gab eine einzige Untersuchung an der Newcastle University im vergangenen Jahr, bei der Testpersonen eine Mahlzeit aus GM-Soja gegeben wurde. Dabei stellte sich heraus, dass die Soja-DNS auf Darmbakterien übertrug. Das ist deshalb bedenklich, weil es dabei auch zur Übertragung von Antibiotika-Resistenzen kommen kann.
SPIEGEL ONLINE: Sie waren unlängst in Kanada und Neuseeland. Dort wird die Debatte über Gentechnik anders geführt als im "Alten Europa".
Meacher: Wenn man sich die weltweite Produktion von GM ansieht, haben die USA 66 Prozent, Argentinien 23, Kanada 6 und China 4 Prozent. In diesen Ländern wurde und wird einfach angenommen, dass das alles sicher ist. Aber das ist eine bislang wissenschaftlich nicht ausreichend untersuchte Vermutung. Deshalb haben wir Europäer das Recht und die Pflicht, sie in Frage zu stellen und den Anbau von genmodifizierten Pflanzen nicht zu genehmigen, bevor wir mehr wissen.
Das Interview führte Michael Sontheimer
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