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12.11.2003
 

Computer-Ballett

Die mit dem Rechner tanzen

Von Gerald Traufetter

Ein Weltstar des Balletts hat sich ausgerechnet mit einem Computerforscher zusammengetan, um Kinder zu unterrichten. Das Duo will seinen Schützlingen das Gefühl für Körper, Raum und Zeit vermitteln - indem es Tanz mit Elektrotechnik verbindet.

Ballett-Star Jacques d'Amboise mit seinen Schützlingen: Tanz stärkt Gefühl für Geometrie
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Rick Friedman

Ballett-Star Jacques d'Amboise mit seinen Schützlingen: Tanz stärkt Gefühl für Geometrie

Dass Tiffany, 9, gerade Mathematik lernt, ist ihr nur schwer anzusehen. Ihre dünnen Arme sausen durch die Luft. Im Takt der Musik schiebt sie den einen Fuß nach rechts, dann hüpft sie nach links und landet zum Schlussakkord mit beiden Beinen in der Mitte.

Aus ihren Mandelaugen strahlt Freude und Stolz. Das Kind mit den vietnamesischen Eltern hat die Choreografie ohne Fehler durchgetanzt. Applaudierend stürzt ihr Lehrer auf die Bühne. Jacques d'Amboise, der große New Yorker Ballett-Star aus den fünfziger Jahren, klopft dem Mädchen auf die Schulter. "Tiffany, du hast Talent", lobt er sie. Doch an eine Laufbahn als Primaballerina denkt d'Amboise für sie nicht. Er sucht keinen Nachwuchs für das Ensemble des New York City Ballet, wo er seine Karriere einst begonnen hat. "Ich möchte, dass Kinder an Wissenschaft und Technik herangeführt werden", erklärt der 69-Jährige.

D'Amboise sieht darin keinen Widerspruch. Denn Tanz vermittle seinen jungen Schülern Körpergefühl. Das sei nicht nur wichtig für das Selbstvertrauen, sondern fördere die Vorstellungskraft für Geometrie und abstrakte Formen, seien es die Struktur der Erbsubstanz oder die Schaltkreise von Mikroprozessoren. Dinge, die Kinder später verstehen müssen, möglicherweise erforschen werden. "Musik und Tanz beinhalten die Grundlage allen mathematischen Denkens", erklärt d'Amboise, nämlich das Gefühl von Zeit und Raum: "Der Takt gibt die Zeit vor, die Bühne den Raum, und mittendrin ist der Körper - direkter lassen sich diese Größen nun wirklich nicht spüren."

"Roballet"-Kinder: "Musik und Tanz beinhalten die Grundlage allen mathematischen Denkens"
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Rick Friedman

"Roballet"-Kinder: "Musik und Tanz beinhalten die Grundlage allen mathematischen Denkens"

Seit über 25 Jahren zieht er mit seinem "National Dance Institute" durch die Schulen New Yorks und bietet Tanzkurse an. Jetzt hat er sein Programm um einen pädagogischen Baustein erweitert: den Computer. Als idealen Partner dafür hat er das Media Lab des Massachusetts Institute of Technology (MIT) gefunden. Gemeinsam mit dieser Kultstätte der Digitalkultur hat d'Amboise das "RoBallet" konzipiert, ein Unterrichtsprogramm für jeweils bis zu zehn Grundschulkinder, denen er beibringen will, "Technik so zu kontrollieren, dass sie der eigenen Phantasie gehorcht".

Die Tanzfläche im Foyer des bei Boston gelegenen Media Lab ist deshalb gespickt mit Lasern, Lichtschranken und Sensoren. Rotierende Roboterarme und Projektionsflächen umgeben die Schar junger Tänzer, deren schlaksige Gliedmaßen in flatternden Sportkleidern stecken. Die entscheidende Rolle spielt das tanzende Kind selbst: Tritt es auf die Sensoren im weichen Kunststoffboden, dann verändert sich die Musik. Lichtschranken registrieren, wann der Tänzer sich auf das Publikum zu bewegt. Das Licht der Scheinwerfer färbt sich daraufhin erst blau, dann, beim nächsten Schritt nach vorn, pink.

Intelligenzforscher Papert: "Das ist kreativer als stupide Computerspiele spielen"
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Rick Friedman

Intelligenzforscher Papert: "Das ist kreativer als stupide Computerspiele spielen"

Die Computer, die hinter der Bühne arbeiten, haben die Kinder - unter Anleitung der MIT-Experten - selbst programmiert. "Das ist kreativer, als wenn sie nur wie Süchtige stupide Computerspiele spielen", sagt Seymour Papert. Der Professor am Media Lab sucht schon seit Gründung des Instituts 1985 nach Wegen, den Nachwuchs zu selbständig denkenden, kreativen Computernutzern zu erziehen. Bislang überlasse die Gesellschaft diese fundamentale Aufgabe Firmen wie Nintendo und Sony. Das trainiere vielleicht die Geschicklichkeit, nicht aber das Verständnis und die Phantasie, mit dem Computer eigene Sachen anzustellen.

Auch die Schulen, so Papert, versagen. "Es ist nicht damit getan, den Schülern die Bedienung von Textverarbeitungsprogrammen zu zeigen", meint Papert, dessen Spezialgebiet die künstliche Intelligenz ist. Die Leistung von RoBallet vergleicht er gern mit Kinderspielzeug. "Was wir hier machen, ist nichts anderes, als wenn man kleine Kinder mit Buchstaben spielen lässt, damit sie später lesen lernen."

Zum krönenden Abschluss der Physikstunde am MIT wird den Kindern eine Art Gurt um den Arm gebunden. Daran angebracht sind eine ganze Reihe von Gyroskopen, die jede Bewegung der Arme registrieren und an einen Computer übertragen. Dieser wiederum steuert einen Roboterarm so, dass er jeden Schwung des Kinderarmes nachahmt. "Normalerweise kommt der Nachwuchs erst in der weiterführenden Schule oder gar der Universität mit solcher Technik in Kontakt", sagt MIT-Forscher Papert, "dabei wäre es sogar schon im Kindergartenalter sinnvoll."

An der Motivation der Kinder, da sind sich Papert und d'Amboise sicher, wird ihr Projekt nicht scheitern. Das zeigen schon die Erfahrungen mit dem Dance Institute. Mittlerweile sind dessen Kurse an fast allen Schulen New Yorks vertreten. Einige Jungen hätten sich geziert, als sie das Wort Ballett hörten, berichtet d'Amboise. Diesen Renitenten erzählt er dann von seiner ersten Begegnung mit dem Ballett: Seine Mutter habe ihn dazu verdonnert, in die Tanzschule seiner Schwester zu gehen, um zu verhindern, dass er sich einer der brutalen Straßengangs anschloss. Die Geschichte seiner ungewöhnlichen Karriere scheint ihre Wirkung nicht zu verfehlen: "Wenn die Jungs erst einmal angefangen haben, hört keiner mehr auf."

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