Die nächste Grippewelle wird, so die Befürchtung vieler Forscher, schon bald anrollen. Und sie könnte leichtes Spiel haben, wie US-Wissenschaftler jetzt im Fachmagazin "Science" warnen. Trotz deutlicher Forschritte bei der Entwicklung von Impfstoffen reagierten Hersteller und Regierungen nur äußerst langsam. Viel zu langsam.
"Wenn morgen eine Grippe-Epidemie ausbrechen würde, könnten wir sie mit einer Impfung nicht mehr abwenden", sagt Robert Webster vom St. Jude Children's Research Hospital in Memphis, Tennessee. Die Kapazitäten, um rechtzeitig einen Impfstoff zu produzieren und damit die Grippewelle zu stoppen, seien derzeit "völlig unzulänglich".
Medikamentenvorrat "skandalös niedrig"
Zugleich sei der Vorrat an Medikamenten, die eine Ausbreitung des Virus verlangsamen könnten, zumindest in den USA "skandalös niedrig". Die derzeitigen Arzneien wären innerhalb weniger Tage aufgebraucht, ihre zusätzliche Produktion würde Jahre dauern. Und neuartige, universell einsetzbare Mittel, wie sie etwa britische Forscher Ende Oktober vorgestellt hätten, seien noch weit entfernt von der Marktreife.
Die Angst vor einer Epidemie scheint durchaus begründet. Bereits zweimal hat dieses Jahr das Grippevirus unabhängig voneinander die Artengrenze übersprungen - beides Mal vom Vogel zum Menschen. So starben im Februar in China Vater und Tochter an einer auch für Menschen gefährlichen Variante der Geflügelgrippe. In den Niederlanden starb im Frühjahr ein Tierarzt, der sich mit der dort grassierenden Hühnergrippe infiziert hatte.
Das tödliche Virus hätte, wie sich später zeigte, auch von Mensch zu Mensch übertragen werden können. Glücklicherweise blieben in beiden Fällen weitere Ansteckungen aus. Doch die Infektionen bewiesen, so die Forscher, dass sich bestimmte Grippeviren extrem schnell anpassen können.
Impfstoff-Produktion zu langwierig
Daher sei es höchste Zeit zu handeln, mahnt Webster zusammen mit seinem Kollegen Richard Webby in "Science" - zumal die derzeitigen Methoden zur Herstellung und Massenproduktion eines Impfstoffes viel zu lange dauerten.
Auf der Suche nach einem speziellen Grippe-Serum mischen Forscher normalerweise verschiedene Virenbestandteile in einem Hühnerei, das bereits die Gene eines für Menschen ungefährlichen Virus enthält. Dabei entstehen neue Viren, die im menschlichen Körper keinen Schaden anrichten, gleichzeitig aber die Immunabwehr gegen das neue Grippevirus mobilisieren.
Forderung nach internationaler Kooperation
Webster dagegen setzt auf ein alternatives Vorgehen, das er Anfang des Jahres der Öffentlichkeit präsentiert hat: Bei der Technik namens "reverse genetics" werden zwei Gene des zu bekämpfenden Grippeerregers mit sechs Erbgutstücken eines anderen Virus vermischt. Der daraus resultierende Mikroorganismus hat sich als brauchbare Grundlage für die Produktion eines Impfstoffes erwiesen.
Ein Problem bleibt allerdings: Für "reverse genetics" benötigen die Forscher ganz bestimmte Zelllinien - und die sind meist im Besitz der großen Pharmaunternehmen, kritisiert Webby. "Im Falle einer Grippeepidemie brauchen wir daher eine internationale Zusammenarbeit zwischen den Regierungen, der Industrie und akademischen Welt." Im Fall des Ausbruchs der Lungenseuche Sars habe sich dieses Teamwork bereits bewährt.
Allein einen Impfstoff zu entwickeln, reicht aber nicht; der neue Wirkstoff muss auch noch geprüft und zugelassen werden - ein Prozess, der derzeit viel zu lange dauert, kritisieren die Forscher. Erst nach und nach entwickele die Weltgesundheitsorganisation WHO Richtlinien, mit deren Hilfe die Zuverlässigkeit und Verträglichkeit einer neuen Impfung schnell ermittelt werden könne. "Und erst damit können wir sicherstellen", sagt Webster, "dass im Falle einer Grippeepidemie die dringend nötig Balance zwischen schneller Entwicklung und Sicherheit eines Impfstoffes auch gefunden wird."
Alexander Stirn
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