Doch auch für eine auf Deutschland oder Europa beschränkte Freigabe des Organhandels spricht unter ethischen Gesichtspunkten nicht viel. Auch bei uns würden die finanziellen Anreize vor allem diejenigen ansprechen, welche sich in Notlagen befinden und deswegen nicht wirklich frei entscheiden. Die äußere Not und Armut mögen mit der Dritten Welt nicht vergleichbar sein, das Ausmaß der subjektiven Zwangslage kann durchaus ähnliche Dimensionen haben.
Dazu kommt: Der legale Handel mit menschlichen Körperteilen würde den moralischen Schutz, mit dem unsere Kultur jeden von uns umgibt, schleichend aushöhlen. Wenn die Einzelteile eines Menschen einen Preis haben, wird der Wert des Menschen, nämlich seine grundsätzliche Unverfügbarkeit, in Frage gestellt.
Traumtänzer im Kampf gegen Windmühlen?
Die Befürworter des Handels werfen hier ein, dass die Kommerzialisierung der Medizin ohnehin längst eingetreten sei und nur Traumtänzer gegen sie anstürmten wie gegen Windmühlen. Andere vermuten hinter dem Argument von einer preislosen Würde des Einzelnen gar überkommene religiöse Motive, die in einer pluralistischen Gesellschaft nicht maßgeblich sein könnten.
Das aber ist barer Unsinn. Erstens folgt aus der Tatsache, dass bereits vieles in der Medizin den Gesetzen des Marktes unterworfen ist, nicht, dass dieser auch alles bestimmen sollte (sonst müssten wir zum Beispiel auch Angehörigen das Recht einräumen, mit Leichen zu handeln). Und zweitens ist die unbedingte Achtung vor dem sich selbst bestimmenden Menschen das Kerngebot der Ethik, die sich seit Immanuel Kant gerade nicht mehr auf religiöse Überzeugungen stützt (auch wenn sie mit diesen kompatibel sein kann).
Eine Ethik ohne diese Achtungsforderung stellt ihre eigene Wirklichkeit in Frage. Ob wir an dieser Achtung festhalten, kann unserer Gesellschaft nicht gleichgültig sein. Natürlich wissen wir nicht sicher, wie sich unser Menschenbild nach einer Freigabe des Handels verändern würde. Aber Ethik beginnt nicht erst bei den Taten, sondern bei der Pflege moralischer Einstellungen - und auch damit, dass bei äußerst negativen Folgen "der Unheilsprognose größeres Gewicht als der Heilsprognose zu geben" ist, so der Philosoph Hans Jonas.
Es gibt Alternativen zum Organhandel
Und die Rechte der Kranken? Es gibt ethisch akzeptable Alternativen zum Organhandel, die zudem eine höhere Wirksamkeit versprechen. Einen eleganten Ausweg aus dem Dilemma bietet das "Wechselseitigkeitsmodell": Wer sich zu Lebzeiten für den Fall seines Ablebens zur Organspende bereit erklärt, bekommt einen Bonus, sollte er vor seinem Tod selbst eine Organspende brauchen: Spendebereite klettern so auf der Warteliste für Transplantationen einfach nach oben. Praktisch wäre dieses Modell ganz einfach umzusetzen; es müsste lediglich die zuvor dokumentierte Spendebereitschaft des Einzelnen als Kriterium zum derzeitigen Verteilungssystem hinzugefügt werden. Nicht einmal eine Gesetzesänderung wäre dafür nötig.
Die Zahl der Spender ließe sich damit erhöhen, da der Anreiz auf Gegenseitigkeit beruht und Spender kostenlos eine Art Lebensversicherung abschließen können. Ethisch ist dagegen nichts zu sagen, denn das Modell instrumentalisiert weder menschliche Notlagen noch untergräbt es unser Menschenbild. Natürlich würden die Spender hier wie beim Organhandel aus Eigennutz aktiv; ihre Motivation wäre nicht unbedingt edel - aber doch auch nicht unmoralisch.
Auch das Wechselseitigkeitsmodell verspricht nicht, die Menschen besser zu machen. Aber es ermöglicht, durch den Appell an das Eigeninteresse die Gruppe der moralneutralen Spender zu vergrößern, so dass insgesamt eine bessere Situation entstünde. Und das Modell nimmt den Einzelnen in seiner Freiheit ernst: Jeder kann entscheiden ob er das Tauschgeschäft eingehen will, um im Notfall selbst eher ein Organ zu erhalten.
Hilfe ohne Ansehen der Person?
Dennoch: Widerspricht dieser Ansatz nicht dem Grundgedanken ärztlicher Hilfe - nämlich dem Leidenden ohne Ansehen der Person beizustehen? Werden hier gesundheitliche Ressourcen statt nach medizinischer Notwendigkeit nicht aufgrund vorherigen Verhaltens verteilt? Nein, denn durch das größere Angebot an Spenderorganen würden bei einer erfolgreichen Umsetzung alle belohnt - auch die Nicht-Spendewilligen müssten bei entsprechendem Spendevolumen weniger lange warten.
Ohnehin ist es ein höchst zweifelhaftes Dogma, dass Hilfe stets blind gegenüber dem Empfänger sein soll. Wenn der Mangel nicht erlaubt allen gleich zu helfen, dann kann es durchaus legitim, ja moralisch gefordert sein, Hilfsbedürftige unterschiedlich zu behandeln - und dies ist dann der Fall, wenn wir durch Bevorzugung von Menschen, die ihrerseits helfen, die Möglichkeiten zur Hilfe insgesamt vergrößern können. In diesem Sinne geht es im Wechselseitigkeitsmodell ja gerade darum, die Möglichkeit zur Therapie Kranker allgemein zu befördern. Solche Effizienzüberlegung sind keineswegs unmoralisch, sondern mit der Achtung der menschlichen Würde durchaus verträglich.
Durch eine Einführung des Wechselseitigkeitsmodells würden also nicht mehr Menschen zu moralisch motivierten, selbstlosen Organspendern werden. Aber mehr Menschen würde ihre eigene Doppelmoral deutlich, da folgenreich, vor Augen geführt.
Und auch bei moralischen Erkrankungen ist Einsicht oft der erste Schritt zur Besserung.
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