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23.05.2004
 

Afrika

Forscher suchen die Mutter aller Sprachen

Gibt es eine Ursprache des Menschen, aus der alle anderen Mundarten hervorgegangen sind? Forscher wollen unter afrikanischen Buschmännern, die noch Klick- und Schnalzlaute benutzen, eine Antwort finden.

Homo Erectus: Entwickelte sich unter den Vorfahren des modernen Menschen in Afrika eine Ursprache?
DPA

Homo Erectus: Entwickelte sich unter den Vorfahren des modernen Menschen in Afrika eine Ursprache?

Wer in Afrika einmal eine der wenigen noch gesprochenen Klicksprachen gehört hat, vergisst sie so schnell nicht wieder: Der Redefluss ist mit verschiedenen Zungenschnalzern, Klick- und Schmatzlauten durchsetzt, die beim oberflächlichen Hören gar nicht zur Sprache zu gehören scheinen.

Vereinzelt kommen solche Laute zwar in verschiedenen Sprachen des südlichen Afrika vor, doch es gibt nur zwei Regionen auf der Welt, wo Schnalzersprachen mit einem extrem komplexen Aufbau gesprochen werden: Bei den als so genannte Buschmänner bekannten San aus der Kalahari-Wüste in Südafrika, Namibia und Botswana, und bei den Hadzabe und den Sandawe, zwei Volksgruppen, die mehr als 2500 Kilometer von den San entfernt am Eyasi-See in Tansania leben.

Diese Klicksprachen könnten nach Ansicht einiger Sprachforscher zu den ältesten Sprachen der Erde gehören. Vielleicht sind es sogar die letzten Überbleibsel der Ursprache des Menschen. Hinweise darauf gibt es viele. Obwohl sich die Sprachen der San und der Hadzabe stark voneinander unterscheiden, können sie kaum durch Zufall unabhängig voneinander entstanden sein - dazu sind sie viel zu komplex.

Schnalzlaute sollen auf Ursprache hinweisen

Auch ist nach Ansicht des Linguisten Peter Ladefoged von der University of California in Los Angeles kein Prozess bekannt, bei dem sich ein Nicht-Schnalzlaut im Lauf der Zeit in einen Schnalzlaut verwandelt hat, während die umgekehrte Entwicklung dagegen durchaus schon beobachtet wurde. Sprachen, die heute noch derart viele Klicklaute enthalten, müssten daher bereits sehr alt sein.

Afrika: Suche nach der Mutter aller Sprachen
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AP

Afrika: Suche nach der Mutter aller Sprachen

Zudem stützt die Lebensweise der San und der Hadzabe, die heute noch die Schnalzersprachen sprechen, die Theorie. Beide Völker leben als Jäger und Sammler, eine der ältesten bekannten Wirtschaftsformen. Und ihr Lebensraum ist Afrika, das als die Wiege der Menschheit gilt, da sich dort der erste Homo sapiens aus frühmenschlichen Vorfahren entwickelt hat.

Dennoch sind die San und die Hadzabe miteinander weniger eng verwandt als mit allen anderen Volksgruppen der Erde, wie ein Vergleich der Erbsubstanz beider Völker ergab. Die beiden Völker müssen sich nach den Ergebnissen der Genomanalyse bereits vor mehr als 60.000 Jahren getrennt haben - noch bevor also die große Auswanderung des Homo sapiens aus Afrika erfolgte.

Forscherstreit um Sprach-Evolution

Anhand dieser Befunde entwickelten die Befürworter der Ursprachen-Theorie folgendes Szenario: Im Süden und Osten des prähistorischen Afrikas lebten Frühmenschen, die mithilfe einer Schnalzersprache kommunizierten. Vor etwa 30.000 Jahren nahm die Bevölkerungsdichte, wahrscheinlich aufgrund von klimatischen Veränderungen, deutlich ab. Dadurch entstanden aus der homogen verteilten Bevölkerung kleine, geografisch isolierte Gruppen, in denen sich die ursprüngliche gemeinsame Klicksprache zu jeweils verschiedenen lokalen Sprachen weiterentwickelte. Während die Schnalzlaute bei den meisten dieser Sprachen im Lauf der Jahrtausende verloren gingen, blieben sie bei den San und den Hadzabe in einer relativ ursprünglichen Form erhalten.

Diese Theorie ist jetzt jedoch immer mehr in die Kritik geraten, wie das Magazin "Bild der Wissenschaft" in seiner Juni-Ausgabe berichtet. Manche Linguisten, aber auch Verhaltensforscher und Ethnologen, halten das Szenario von der Ursprache für fragwürdig oder für schlichtweg falsch. So spricht nach Ansicht des Stockholmer Sprachforschers Hartmut Traunmüller besonders der extrem komplizierte Aufbau der Klicksprachen gegen die Annahme, die Ursprache könne eine Schnalzersprache gewesen sein. Wenn es denn eine solche Ursprache gegeben hätte, enthielt diese mit hoher Wahrscheinlichkeit hauptsächlich einfache Laute, argumentiert Traunmüller.

Dazu könnten beispielsweise die Vokale i, a und u sowie einfache Konsonanten wie p, t, k, m, n und l gehört haben. Diese Laute seien schließlich auch heute immer noch die ersten, die Kleinkinder in aller Welt artikulieren können. Das stärkste Argument gegen die Ursprache ist jedoch die immer noch ungeklärte Frage, warum sich die ursprünglichen Schnalzer ausschließlich bei den San, den Hadzabe und einigen ihrer direkten Nachbarn erhalten haben, während sie aus allen anderen Sprachen der Welt verschwunden sind.

Thorwald Ewe, ddp

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