Über Haarausfall wird meist nur gesprochen, wenn es Männer betrifft. "Für Frauen ist Haarausfall aber ein wesentlich größeres Problem", sagte Wolfram Sterry, Direktor der Klinik für Dermatologie an der Universitätsklinik Charité Berlin, am Donnerstag. "Haare haben im weitesten Sinne auch eine soziale Funktion", erklärte Sterry. Dünner werdendes Haar oder kahle Stellen auf dem Kopf drückten erheblich auf das Wohlbefinden und schmälerten das Selbstvertrauen.
Auf dem Weltkongress "Hair 2004" in Berlin beschäftigen sich Sterry und weitere rund 500 Experten bis zum heutigen Samstag mit neuen Behandlungsansätzen. Ins Zentrum der wissenschaftlichen Forschung sind dabei inzwischen Ansätze über Stammzellen gerückt.
Anlass zur Hoffnung geben vor allem die Ergebnisse einer Arbeitsgruppe um den Freiburger Mediziner Rolf Hoffmann vom vergangenen Jahr. Sie entnahmen bei Mäusen Stammzellen aus der äußeren Hülle des unteren Haarfollikels, das sich in der Haarwurzel in der unteren Hautschicht befindet. "Dort befindet sich der gesamte Steuermechanismus für das Haarwachstum", erläuterte Hoffmann. Anschließend wurden die entnommenen Stammzellen in haarlose Körperregionen der Tiere injiziert.
Das erstaunliche Ergebnis: Den Mäusen wuchsen auch an den Innenseiten der Pfoten und an den Ohren Haare. "Die Zellen haben ein genetisches Gedächtnis." Im Selbstversuch am Menschen habe dies prinzipiell "auch schon funktioniert", verriet Hoffmann. Offenbar besäßen die Stammzellen aus der Haarfollikelschicht die Fähigkeit, nach der Transplantation eigene Blutzelllinien zu bilden. "Vielleicht können wir in vier bis fünf Jahren auf dieser Basis einen Therapieansatz etablieren." Selbst für die Ergrauung der Haare könne dieser Ansatz eine Lösung bieten.
"Bis dahin müssen sich die von Haarausfall betroffenen Patienten mit anderen Methoden begnügen. "Jede fünfte Frau im Alter zwischen 20 und 30 Jahren hat bereits deutlich dünneres Haar, bei den Frauen ab 50 Jahren sind sogar schon vier von zehn Frauen betroffen", sagte Ulrike Blume-Peytavi, Leiterin des Kompetenzzentrums für Haare und Haarerkrankungen der Charité. Besonders große Hoffnung setzen die Mediziner bei der Behandlung des erblich bedingten Haarausfalls (androgenetische Alopezie) auf ein neues Medikament (Minoxidil TS), das seit April in Deutschland erhältlich ist.
Bei rund jeder dritten Frau ist der Haarwuchs im Mittelscheitelbereich nach drei Monaten wieder deutlich dichter geworden", berichtete die US-Forscherin Elise Olsen. Bei 50 Prozent der Frauen seien "sichtbare Ergebnisverbesserungen" zu beobachten. In den USA ist das Mittel seit 1988 zugelassen. "Zwei bis drei Prozent der Patientinnen haben einen sehr leichten Flaumhaarbewuchs im Gesicht entwickelt" sagte Olsen.
Für Männer soll ein neu entwickelter Enzymhemmer wieder für Dichte im Haupthaar sorgen. "Das Enzym 5-a-Rediktase wandelt das männliche Hormon Testosteron in fünf Mal stärkeres Dihydrotestosteron um und bewirkt dadurch den anlagebedingten Haarausfall", so Hoffmann. Doch im Gegensatz zu der bei Frauen als Behandlung geeigneten Blockierung der Testosteronausschüttung sei "ein solcher Eingriff beim Mann mit einigen Nebenwirkungen" verbunden, gab Blume-Peytavi zu bedenken. Gemeint ist nicht zuletzt das Risiko einer unerwünschten Änderung respektive Absenkung der männlichen Potenz.
Peter Leveringhaus, ddp
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