• Drucken
  • Senden
  • Feedback
 

Fahrradcomputer Die unerbittlichen Trainer der Toursieger

2. Teil: Lesen Sie im zweiten Teil, was Profis aus Pulskurven lesen und warum Jens Heppner im Rennen lieber keine Herzfrequenzen misst

Immer mehr ambitionierte Läufer, Skater und Radfahrer schwitzen nicht mehr nur nach Gefühl, sondern genau nach Herzschlag. Spezielle Pulsuhren zeichnen die Daten im Sekundentakt auf - genau wie der Profi-Fahrradcomputer SRM.

Polarpulsmesser: Überträgt Daten an Handy

Polarpulsmesser: Überträgt Daten an Handy

Die einfachen Geräte zeigen schlicht den Herzschlag pro Minute an. Die etwas besseren fangen an zu piepen, wenn das Herz zu schnell schlägt. Mit Profigeräten kann das Training hinterher am Computer genauestens analysiert werden. Mittlerweile übertragen Pulsuhren des finnischen Herstellers Polar ihre Daten sogar an ein bestimmtes Nokia-Handy.

Schon bei der letztjährigen Tour de France konnten die Fernsehzuschauer live mitverfolgen, wenn einem Fahrer am Berg die Puste ausging. Die wagemutigen Kameramänner auf dem Motorradrücksitz hatten einen entsprechenden Pulsempfänger dabei und konnten so die aktuelle Herzfrequenz im Fernsehbild einblenden.

Das Prinzip der Pulsmesser ist simpel: Ein um die Brust gelegter Gürtel funkt bei jedem Herzschlag einen Impuls. Die Uhr am Handgelenk oder Lenkrad berechnet aus den Abständen der Impulse die Herzschläge pro Minute und zeigt sie an.

Jeder Herzschlag pumpt eine konstante Menge Blut und Sauerstoff durch den Körper. Je größer die Belastung, umso höher die Herzfrequenz. "Jeder Mensch hat seine individuelle Obergrenze, die nur bei sehr hartem Training kurzzeitig erreicht wird", erklärt Norbert Maassen, Sportphysiologe an der Medizinischen Hochschule Hannover. Der Doktor empfielt, den Maximalpuls von einem Sportarzt bestimmen zu lassen. "Die gängigen Formeln wie 220 minus Lebensalter sind zu ungenau."

Durch die Pyrennäen: Servais Knaven erreichte am ersten Berg einen 170er Puls, die erreichte Höhe ist violett eingezeichnet

Durch die Pyrennäen: Servais Knaven erreichte am ersten Berg einen 170er Puls, die erreichte Höhe ist violett eingezeichnet

Bei mäßigen Belastungen, etwa 70 bis 80 Prozent des Maximalpulses, verbrennt der Körper Kohlenhydrate und Fette. Laufexperten empfehlen Anfängern und Gelegenheitsläufern unisono, genau in diesem Bereich zu trainieren. Nicht nur um Fett abzubauen und Überanstrengungen zu vermeiden, sondern auch, damit das Ausdauertraining nicht zur Qual wird.

Steigt die Belastung weiter auf etwa 85 bis 95 Prozent des Maximalpulses, dann reicht die Verbrennung von Fetten und Kohlenhydraten allein nicht mehr aus, um den Energiebedarf zu decken. Folge: Der Milchsäurestoffwechsel wird hochgefahren; die Laktatwerte im Blut steigen.

Man spricht von der anaeroben Zone, weil der Milchsäurestoffwechsel ohne Sauerstoff auskommt. Die Pulsuhr hilft Läufern, Radfahrern und Inline-Skatern, immer in ihrer aeroben Zone zu bleiben. Bei Profis wie Jan Ullrich ist das freilich etwas anders. Sie können auch längere Zeit "im roten Bereich" fahren, ohne gleich zusammenzubrechen.

Der Sportphysiologe Maassen hält den Einsatz von Pulsuhren generell für sinnvoll - nicht nur für Radprofis oder Triathleten. Die Spitzenmodelle mit Datenaufzeichnung erfordern jedoch nach seiner Meinung ein gewisses Knowhow, um damit das eigene Training optimieren zu können. Maassen rät Ausdauersportlern deshalb, sich ein bis zwei Mal in einem Sportinstitut beraten zu lassen.

Volle Pulle beim Prolog 2004: Frederic Bessy war nach einer Minute auf 170

Volle Pulle beim Prolog 2004: Frederic Bessy war nach einer Minute auf 170

Mancher Laufexperte sieht die Technikliebe der Gelegenheitsjogger und -radler jedoch mit Skepsis: "Für die meisten Läufer ist es besser, noch eine Extrarunde im Wald zu drehen, als die eigenen Trainingseinheiten genau zu analysieren", meint etwa Urs Weber, Redakteur beim Fachblatt "Runners-World". Er glaubt, dass die Herzfrequenz-Kurvendiskussion vor allem für Spitzensportler interessant ist.

Das bestätigt der Radprofi Heppner im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE: "Man sieht genau, wie man im Training vorankommt." Heppner vergleicht öfter die Pulskurven einer bestimmten, mehrmals gefahrenen Strecke miteinander. Im Rennen fährt er jedoch ohne Brustgurt: "Dann verzichte ich auf alles, was mich stören könnte."

Verena Johannsen, die in Hamburg Jogging-Seminare leitet, scheucht hingegen selbst Hobbyläufer mit den Hightech-Pulsuhren durch den Stadtpark. "Ich verteile sie beim Training, wenn ich das Gefühl habe, dass Einzelne etwas falsch machen, ich aber nicht genau weiß, was", erzählt sie.

So offenbart die Herzfrequenzkurve, wenn ein Läufer schon bei der Erwärmung an seine Grenzen geht und dann im eigentlichen Training keine Reserven mehr hat. Sehr gut eignen sich die Kurven auch für das Intervalltraining. "Wenn der Puls in den Ruhephasen schnell wieder sinkt, dann spricht das für den guten Trainingszustand", erläutert Johannsen.

Bei der Tour der France fährt etwa ein Viertel bis ein Drittel der Fahrer mit Pulsuhr, schätzt SRM-Entwickler Schoberer. Als Information seien die Werte schon interessant. Doch die Renntaktik nach der Herzfrequenz auszurichten, das ist seiner Einschätzung nach kaum möglich. "Wenn im Feld Tempo gemacht wird, dann muss ich mitfahren und kann nicht auf den Puls schauen."

Diesen Artikel...
Aus Datenschutzgründen wird Ihre IP-Adresse nur dann gespeichert, wenn Sie angemeldeter und eingeloggter Facebook-Nutzer sind. Wenn Sie mehr zum Thema Datenschutz wissen wollen, klicken Sie auf das i.

Auf anderen Social Networks posten:

  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • deli.cio.us
  • Xing
  • Digg
  • Google Bookmarks
  • reddit
  • Windows Live
News verfolgen

HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:

alles aus der Rubrik Wissenschaft
alles aus der Rubrik Mensch

© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH









TOP



TOP