Von Matthias Gebauer
Aus Sicht von Pfizer ist die Kampagne zur freundlichen Übernahme der Vioxx-Kunden verständlich. Im ersten Halbjahr 2004 erwirtschaftete der Konzern mit seinen Vioxx-ähnlichen Schmerzprodukten satte 1,5 Milliarden Dollar, das sind runde sechs Prozent des gesamten Umsatzes. Nach dem Ende von Vioxx hat Pfizer nun beste Chancen, sich auch das Merck-Stück vom milliardenschweren Kuchen der Schmerzmittel einzuverleiben - zumal der Schmerz und die Angst vor Nebenwirkungen, wie sie bei Vioxx auftraten, die gepeinigten Patienten derzeit in Scharen in die Arztpraxen treibt.
Kritik von Experten
Gleichwohl ist die Kampagne von Pfizer nicht unumstritten. Bisher nämlich ist noch unklar, ob nicht auch die Pfizer-Produkte - wie Vioxx so genannte Cox-2-Hemmer - nicht auch die gleichen gefährlichen Nebenwirkungen haben wie das zurückgezogene Medikament.
Der US-Forscher Garret Fitzgerald von der University of Pennsylvania, durch dessen Recherchen der Vioxx-Skandal ins Rollen kam, warnt vor einer voreiligen Verschreibung der Pillen. In seinem Aufsatz im "New England Journal of Medicine" vermutet Fitzgerald, dass alle Medikamente mit der Wirkungsweise von Vioxx zu erhöhten Herzrisiken führen können. "Die Beweispflicht liegt jetzt bei jenen, die behaupten, dass dies nur ein Problem von Vioxx allein ist und nicht auf andere, verwandte Medikamente zutrifft", schreibt Fitzgerald.
Ebenso kritisieren deutsche Fachleute die Kampagne von Pfizer. Mit den Fakten aus der Broschüre und dem Brief konfrontiert, bezeichneten manche von ihnen die Werbung für Celebrex und Bextra gar als unverantwortlich. "Wir halten die Aussage, dass nur Vioxx diese Probleme gemacht hätte, für falsch", erklärte Gerd Glaeske, der an der Universität Bremen Arzneimittel unter die Lupe nimmt. Er glaubt, dass auch andere Cox-2-Hemmer in ähnlicher Weise wie Vioxx analysiert werden müssen.
Studien ohne Risikopatienten
Deutlich warnt der Experte vor einer vorschnellen Umstellung auf die mit Vioxx verwandten Produkte. "Wir haben erste Erkenntnisse über andere Cox-2-Hemmer wie Bextra und Celebrex, die Herz-Kreislauf-Belastungen verursachen können", so der Experte im Mitteldeutschen Rundfunk. Auch wenn der Verdacht noch nicht bewiesen sei, ist eine solche Werbung für den Fachmann zumindest irreführend.
Noch deutlicher kommentiert der Journalist Wolfgang Becker-Brüser vom unabhängigen Branchenblatt "Arzneitelegramm" die Pfizer-Werbung. "Hier wird Sicherheit vorgegaukelt, die gar nicht existiert", kritisiert er. "Pfizer versucht durch die Kampagne, die einer Desinformation gleicht, Ärzte und Apotheker in die Irre zu führen und so sein eigenes Geschäft aus dem Desaster zu machen."
Die Werbetour geht weiter
Abseits der Kampagne für die deutschen Ärzte scheint auch Pfizer des Problems durchaus gewahr zu sein. So kündigte der Großkonzern in den letzten Tagen eine umfangreiche Studie mit Herzpatienten zum Medikament Celebrex an. Die Pillen würden an 4000 Rheuma-Patienten getestet, die vor kurzem einen Herzinfarkt erlitten hätten, teilte die Firma mit.
Gleichzeitig weist Pfizer darauf hin, dass sein zweiter Cox-2-Hemmer Bextra hoch dosiert zur Schmerzlinderung aufgrund einer Bypass-Operation ein kardiales Risiko verursachen kann. Bextra wurde allerdings für diesen speziellen Einsatz nie zugelassen, wie der so genannten Fachinformation für Ärzte zu entnehmen sei. Deshalb seien diese beiden Fakten in der Darstellung für die Ärzte auch nicht genannt worden.
Ziel der neuen Studie ist laut Pfizer vielmehr der Nachweis, "dass die entzündungshemmenden Eigenschaften des Medikaments in Kombination mit wirkstoffspezifischen Eigenschaften einen sogar positiven Effekt auf die Gefäße von Herzkreislauf-Patienten haben", sagte Unternehmenssprecherin Herlinde Schneider. Aufgrund der Datenlage sieht Pfizer auch keinen Grund, die Werbung in eigener Sache einzustellen.
Hinweis: Die deutsche Merck KGaA mit Sitz in Darmstadt ist unabhängig vom US-Konzern Merck & Co. Inc.
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