Bis heute rätseln Mediziner, was die Erreger der Spanischen Grippe so gefährlich machte. Bei der Epidemie im Jahr 1918 starben weltweit mehr als 20 Millionen Menschen. Um das Geheimnis des Virus zu lüften, wurden bislang fünf der acht Gene des Super-Virus entschlüsselt und mit modernen Grippeviren gekreuzt. Die Erreger entnahmen die Wissenschaftler aus Gewebsresten von Opfern der tödlichen Grippe.
Doch nicht alle dieser Versuche finden offenbar unter ausreichenden Sicherheitsvorkehrungen statt: "Sämtliche Virologen, mit denen ich bisher gesprochen habe, sind beunruhigt", erklärt Ingegerd Kallings, Virusexpertin am Institut zur Kontrolle von Infektionskrankheiten in Stockholm. "Sollte sich ein Arbeiter mit dem Erreger anstecken und das Virus aus dem Labor entwischen, wären die Folgen verheerend", warnt auch Donald Henderson von der University of Pittsburgh, einer der führenden US-Experten für Biosicherheit. Ein Seuchenzug mit dem künstlich im Labor wieder zum Leben erweckten Erreger, so fürchten die Kritiker, könnte mehr Menschenleben fordern als die Pandemie von 1918.
"Es ist an der Zeit, dass Virologen Regeln im Umgang mit den Erreger definieren", sagte Kallings gegenüber dem Wissenschaftsmagazin "New Scientist". SARS-Experte John MacKenzie von der australischen University of Queensland sieht ebenfalls dringenden Handlungsbedarf: "Eine (internationale) Konferenz wäre hilfreich".
Sorgen bereitet den Wissenschaftlern unter anderem die Tatsache, dass Experimente mit Genen der Spanischen Grippe unter verschieden hohen Sicherheitsvorschriften stattfinden. Yoshihiro Kawaoka von der University of Wisconsin-Madison hatte jüngst ein einzelnes Gen in unscheinbare Influenza-A-Viren eingeschleust und die Viren somit in tödliche Killer verwandelt. Die damit infizierten Mäuse zeigten die gleichen Symptome, an denen auch die Opfer der Spanischen Grippe starben: Lungeninfektionen, Entzündungen und schwere innere Blutungen.
Das Team von Kawaoka startete seine Experimente zunächst unter den strengsten Laborauflagen der Stufe BSL-4 im kanadischen National Microbiology Laboratory in Winnipeg. Dann entschieden die Forscher, dass die Viren auch gefahrlos in einem Labor mit niedrigerer Sicherheitsstufe untersucht werden können und wechselte an die University of Wisconsin-Madison. Dort gilt statt der Stufe BSL-4 nur BSL-3Ag, was bedeutet, dass die Labormitarbeiter keinen Ganzkörperschutzanzug mehr tragen müssen.
Kawaoka erklärte gegenüber dem "New Scientist", Mäuse hätten sich nach Gabe eines antiviralen Präparats nicht mehr infiziert. Man habe diesen Wirkstoff auch den Mitarbeitern verabreicht, um eine Infektion auszuschließen.
Bei Experimenten in einem staatlichen Labor in Athens im US-Bundesstaat Georgia hatten Wissenschaftler andere Erfahrungen mit dem von Kawaoka genutzen Präparat gemacht. Mäuse infizierten sich trotz vorheriger Gabe des Medikaments, eine von zehn starb sogar.
Damit nicht genug: Michael Katze von der University of Washington in Seattle plant Experimente mit genetisch hergestellten Erregern der Spanischen Grippe unter weniger strengen Auflagen als sein Kollege in Kawaoka in Madison. Statt BSL-3Ag soll nur noch die Stufe BSL-3 gelten. Katze will Affen mit einer Lösung besprühen, die das Killervirus enthält.
Der Virologe John Wood vom britischen National Institute for Biological Standards and Control forderte, Arbeiten mit der Spanischen Grippe generell unter der Stufe BSL-4 durchzuführen. In den USA gelten verschieden strenge Vorschriften, weil Experimente mit gentechnisch veränderten Viren durch regionale Ausschüsse genehmigt werden.
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