Jahrelang behaupteten die Tabakkonzerne, die Gesundheitsrisiken des Aktiv- und Passivrauchens nicht zu kennen. Eine Aussage, die sehr wahrscheinlich nicht stimmt, wie nun drei Wissenschaftler herausgefunden haben.
Martin McKee von der Londoner School of Hygiene and Tropical Medicine und seine Schweizer Kollegen Pascal Diethelm und Jean-Charles Rielle hatten interne Dokumente der Firma Philip Morris durchstöbert, die diese nach einem Prozess in den USA zur Verfügung stellen musste.
Beim Sichten der Papiere stießen die Forscher auf brisante Informationen: Seit Anfang der siebziger Jahre habe Philip Morris heimlich die gesundheitlichen Folgen des Rauchens erforschen lassen - an einem Institut in Köln mit dem Namen Inbifo (Institut für biologische Forschung GmbH). Wie McKee und Diethelm im Fachblatt "Lancet" berichten, wurden brisante Ergebnisse der Untersuchungen nicht publiziert.
Passivrauchen besonders gefährlich
"Unveröffentlichte Studien lieferten Beweise dafür, dass Passivrauchen sogar noch gesundheitsgefährdender ist als Aktivrauchen." Dies sei vor allem deshalb von besonderer Bedeutung, weil die Industrie immer wieder behauptet habe, dass vom Passivrauchen keine Gefahren ausgingen.
Passivrauchen: Noch gefährlicher als aktives Rauchen
Philip Morris wies die in dem Magazin erhobenen Anschuldigungen zurück. Sprecher John Wunderli sagte, die Vorwürfe seien "falsch, ungenau und in höchstem Maße verzerrt" und auch nicht neu. Bereits bei den Prozessen in den USA gegen Philip Morris seien diese aufgetaucht. "Wir haben uns erfolgreich dagegen zur Wehr gesetzt", sagte Wunderli.
McKee, Rielle und Diethelm werfen Philip Morris vor, eine direkte Verbindung zu Inbifo bewusst verschleiert zu haben. Nachdem der Konzern das Institut zunächst übernommen hatte, sei es Anfang der siebziger Jahre an eine Schweizer Tochter von Philip Morris übergegangen. Auch die Bezahlung der in Köln angefertigten Studien wurde über den Umweg der Schweizer Tochter abgewickelt, schreiben McKee und Diethelm.
Firmenbosse wollten genau Bescheid wissen
Das Bedürfnis, alles über mögliche Risiken des Rauchens zu wissen, bestand unter den Tabakmanagern offenbar schon vor Jahrzehnten. "Wir müssen mehr über unsere Produkte wissen als jeder beliebige andere, damit wir nicht überrascht werden, wenn Konkurrenten oder Widersacher Informationen über unsere Produkte veröffentlichen", zitieren die Autoren der "Lancet"-Studie Helmut Wakeham, Vice-President bei Philip Morris. Das Statement stammt aus dem Jahr 1969, kurze Zeit später stieg der Konzern bei Inbifo ein.
Wie genau man in der Philip-Morris-Zentrale die Studien in Köln gekannt haben muss, zeigt ein Report aus dem Jahr 1982, der sich mit den Folgen des Passivrauchens beschäftigt. Alle Ratten zeigten allgemeine Erschöpfungserscheinungen nach Ende der täglichen Rauchdosis, heißt es in dem nach Richmond, Virginia gesendeten Bericht. Im Unterscheid zu den Ratten mit Aktivrauch, die sich am nächsten Morgen wieder erholt hätten, zeigten die passiv rauchenden Ratten ein ungepflegtes Fell und einige von ihnen ausgeprägte Atemprobleme. Um die gleichen Effekte beim Aktivrauchen zu bewirken, hätte die Konzentration des Rauchs um den Faktor drei erhöht werden müssen, heißt es in dem Bericht.
"Bis zum Jahr 1994 haben die Forscher von Inbifo offensichtlich keine einzige Studie zu den Folgen von Passivrauchen veröffentlicht", schreiben McKee, Rielle und Diethelm. Insgesamt seien am Kölner Institut zwischen 1981 und 1989 jedoch mehr als 800 Studien dazu durchgeführt worden.
Wichtige Ergebnisse blieben in Schublade
Die Wissenschaftler am Inbifo-Institut publizierten in dieser Zeit sehr wohl Forschungsergebnisse. Allerdings nur solche, deren Aussagen als industriefreundlich einzustufen seien, betonen die beiden Autoren der "Lancet"-Studie. In den veröffentlichten Arbeiten seien beispielsweise Methoden zur Ermittlung der Folgen von Passivrauchen in Frage gestellt worden.
Das Kölner Institut lehnte auf Anfrage von SPIEGEL ONLINE eine Stellungnahme ab und verwies auf den Mutterkonzern. Den Namen Inbifo hat man inzwischen abgelegt. Seit mehr als zwei Jahren firmiert das Institut unter Philip Morris Research Laboratories.
Holger Dambeck
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