Von Markus Becker
Das alles bedeute natürlich nicht zwangsläufig, dass die Menschen tatsächlich nur aus Nullen und Einsen bestehen. "Meine These soll nicht beweisen, dass wir in einer Simulation leben", betonte Bostrom gegenüber SPIEGEL ONLINE. Allerdings gebe es eine "bedeutende Wahrscheinlichkeit", dass die Menschheit tatsächlich nichts weiter sei als eine Figurensammlung in einer Computersimulation. "Ich schätze, dass sie bei etwa 20 Prozent liegt."
Möglicherweise könne die Menschheit selbst die Frage beantworten. Sollten die Erdlinge eines Tages in der Lage sein, ihrerseits Universen zu simulieren, wäre das laut Bostrom "ein starkes Indiz" dafür, dass wir alle nur im Computer existieren.
Bis simulierte Universen irdische Realität sind, wird die Suche nach Beweisen für die reale Existenz einer Art "Matrix" ziemlich knifflig. "Ich glaube nicht, dass es direkte Beweise geben wird", meint Bostrom. Cambridge-Mathematiker Barrow ist da optimistischer. Die Programmierer etwa wären bei aller Cleverness nicht allwissend oder unfehlbar. "Wenn in einem Disney-Film die Oberfläche eines Sees das Licht reflektiert, werden nicht die Gesetze der Quanten-Elektrodynamik und der Optik benutzt, um die Lichtstreuung zu berechnen", meint Barrow. "Das würde eine wahnwitzige Rechenkraft verschlingen."
Haben die Programmierer geschlampt?
Stattdessen werde "plausibel über den Daumen gepeilt", so dass am Ende immer noch ein realistisch aussehendes Ergebnis herauskomme - so lange niemand zu genau hinschaue. Die Komplexität der Simulation wäre dann allerdings beschränkt, was Raum für verräterische Probleme schaffe, mutmaßt Barrow. So könnten sich nach und nach kleine Fehler summieren.

Philosoph Bostrom: "Astronomisch hohe Zahl von simulierten Wesen"
Weil die Programmierer hier und da kleine Korrekturen vornehmen, glaubt Barrow - oder eine automatische Selbstreparatur-Funktion eingebaut haben, wie sie auch im menschlichen Erbgut existiere. "Das würde zu mysteriösen Veränderungen führen, die anscheinend die Gesetze der Physik verletzen", schreibt Barrow - wie etwa kleine Verschiebungen in den Naturkonstanten. Der australische Astrophysiker Paul Davies glaubt, dass ein solcher "Schluckauf" in der kosmischen Simulation möglicherweise schon gefunden wurde.
Schöner leben in der "Matrix"
Ein Team um John Webb von der australischen University of New South Wales hat drei Jahre lang weit entfernte Quasare mit dem Keck-Teleskop auf Hawaii beobachtet. Das überraschende Ergebnis: Die Feinstruktur-Konstante, eine fundamentale Größe in der Physik, verändert sich offenbar mit der Zeit. Eine mögliche Erklärung, meinen sowohl Webb als auch Davies, wäre eine langsame Veränderung der Lichtgeschwindigkeit - was nach Einsteins Relativitätstheorie aber unmöglich ist.

Astrophysiker Davies: "Es ist sehr wahrscheinlich, dass wir in einer Simulation leben"
Vielleicht sollten sich die Menschen auch gar nicht so viele Gedanken darüber machen, ob sie nun in einer Simulation leben oder nicht. Der US-Philosoph Hubert Dreyfus etwa sagte über den Actionfilm "The Matrix", dass es die Menschen in der Kino-Trilogie nicht schlecht hätten und so versklavt gar nicht seien. "Sie können leben, sterben, lieben, arbeiten, treffen Entscheidungen und tun alles, was sie wollen", sagte Dreyfus. Nur aus der Simulation fliehen könnten sie nicht - aber warum sollten sie auch? Nur, weil sie auf einer anderen Daseinsebene als Batterien benutzt werden? "Sie müssen sich nicht daran stören, weil sie es nicht einmal wissen", meint Dreyfus.
Nach der Simulation ist vor der Simulation
Robin Hanson, Wirtschaftsprofessor an der George Mason University im US-Staat Virginia, postulierte im "Journal of Evolution and Technology" gar Regeln, um den Schöpfern der Simulation zu gefallen. Sein erlösendes Rezept: Weniger auf andere achten, mehr für das Jetzt leben, sich stärker an wichtigen Entwicklungen beteiligen, unterhaltsamer sein - und die vielen berühmten Menschen um einen herum glücklich machen. Wer gut genug ist, glaubt Hanson, werde nach dem Ende seiner Computerexistenz vielleicht nicht gelöscht, sondern in eine andere Simulation oder gar in die reale Welt der Programmierer kopiert.
Astrophysiker Davies glaubt, solche Ratschläge solle sich die Menschheit zu Herzen nehmen. Denn zu viel des Nachbohrens führe womöglich zu einem bösen Ende. "Jetzt, da die Programmierer wissen, dass wir ihnen auf der Spur sind, ist das Spiel aus", argwöhnt der Forscher. "Sie könnten ihr Interesse verlieren und die 'Delete'-Taste drücken."
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