Als der Skandal um die Folterung und Demütigung irakischer Häftlinge im US-Gefängnis Abu Ghureib ruchbar wurde, wiegelten die Armeekommandeure schnell ab: Die Menschenquälerei sei das Werk einiger schwarzer Schafe und keinesfalls systembedingt. Falsch, meinen amerikanische Wissenschaftler. Die Quälereien seien die nahezu zwangsläufige psychologische Folge der Duldung durch höhere Stellen, heißt es in einem Artikel im Fachblatt "Science".
Nach Auswertung von insgesamt 25.000 psychologischen Studien, die acht Millionen Fälle dokumentieren, kommen die Sozialpsychologen um Susan Fiske von der Princeton University zu einem beängstigenden Ergebnis. "Ganz normale Menschen" könnten jederzeit zu Folterknechten werden - weil die strenge Hierarchie und die Duldung durch Vorgesetzte wichtige Kontrollmechanismen in der Psyche der Täter ausschalteten.
In extremen Situationen kollabiere offenbar das unter normalen Bedingungen vorhandene Sozialverhalten. Folterungen und die Unterdrückung Einzelner seien daher entgegen bisheriger Annahmen von nahezu allen Menschen zu erwarten. "Praktisch jeder kann aggressiv werden, wenn er gestresst ist", schreibt das Team um Fiske.
Fataler Mix aus Angst und Macht
Die Situation der in Abu Ghureib eingesetzten 800. Militärpolizei-Brigade entsprach den Wissenschaftlern zufolge genau jenem fatalen Mix, aus dem der Psycho-Kollaps resultiert. Die Soldaten waren ständiger Todesgefahr ausgesetzt, sie hatten permanent Angst und mussten Tag für Tag mit ansehen, wie ihre Kameraden starben.
Zur Folterfalle aber wurde das Gefängnis für die inhaftierten Iraker erst dadurch, dass die Täter für solche Extremsituationen in keiner Weise geschult waren, so die Forscher. Sie betrachteten die Gefangenen schlichtweg als Feind, den es im Interesse der Gemeinschaft zu unterdrücken galt. "Eine der elementaren Prinzipien in der Psychologie ist die Tatsache, dass Menschen ihre jeweils eigene Gemeinschaft vorziehen", schreiben die Autoren.
Diese Eigenschaft sei bei jedem Menschen vorhanden. Die Konsequenz: Außenstehende werden in Notsituationen mit brachialen Mitteln unterdrückt oder bekämpft, weil man "seiner Gruppe" dienen möchte. So mutieren in Extremsituationen ehedem friedliebende Menschen zu Monstern, glauben die Forscher.
Hinzu komme ein zweiter wichtiger Aspekt. Selbst wenn ein Soldat Bedenken hegen und Kontakt zu den Entscheidern herstellen wollte - die extrem starren Befehlsketten würden es ihm von vornherein verbieten. Der Folterer glaubt, befugt zu sein und im Interesse "seiner" Gemeinschaft das Richtige zu tun.
Duldung durch Vorgesetzte
Nach Ansicht der Wissenschaftler müssten aber diese Risiken auch der Armeeführung bekannt gewesen sein. Die sozialpsychologischen Muster, denen jeder Mensch unterliegt, entschuldigten daher in keiner Weise die Untaten von Abu Ghureib. Im Gegenteil: "Die Aktionen sind immer beabsichtigt", heißt es im "Science"-Papier. "Gewöhnliche Menschen können unglaublich destruktive Dinge tun, sobald sie von einer autorisierten Stelle den Befehl dazu erhalten."
Tatsächlich berichtete die "Washington Post" unter Berufung auf interne Armee-Dokumente bereits im Sommer dieses Jahres, dass der Oberkommandierende der US-Streitkräfte im Irak, General Ricardo Sanchez, die Anwendung intensiver Verhörmethoden selbst genehmigt habe. Der Zeitung zufolge hat Sanchez bereits im September 2003 insgesamt 32 verschiedene Verhörmethoden ausgewählt, die auch bei Gefangenen im Guantanamo-Gefängnis auf Kuba angewandt worden seien.
Dass normale Menschen unter solchen Umständen zu Bestien werden können, sieht Fiske bereits durch die Studien von Stanley Milgram in den siebziger Jahren bewiesen. In Milgrams Experimenten hätten Freiwillige anderen Menschen tödliche Elektroschocks gegeben, wenn man ihnen gesagt hatte, dass dies zur Durchführung des Versuchs notwendig sei. Bei der anschließenden Besprechung hätten Milgrams Studenten geschworen, dass sie sich niemals so verhalten hätten, sagt Fiske. "Aber wenn sie an ähnlichen Experimenten teilnehmen, tun sie es doch."
Macht korrumpiert auch normale Menschen
Zu trauriger Berühmtheit gelangte das "Stanford Prison Experiment" des US-Psychologen Philip Zimbardo. In seinem Versuch erfuhr der Forscher 1971 am eigenen Leib, was eine Situation, in der Macht und Unterwerfung willkürlich verteilt werden, mit ganz normalen Menschen anstellen kann. In der Studie waren 24 Freiwillige entweder zu Gefängniswärtern oder zu Gefangenen erklärt worden. Die Gefangenen wurden von Anfang an gedemütigt, mussten Krankenhausnachthemden und Ketten an den Füßen tragen, wurden nur noch mit Nummern statt mit ihren Namen angesprochen.
Da es für die Wärter keine expliziten Regeln gab, entwickelten sie eigene Unterdrückungsmethoden, um die Gefangenen gefügig zumachen. So wurden zur Bestrafung Liegestützen angeordnet, den Eingesperrten wurden Decken und Matratzen weggenommen, es gab eine lichtlose Einzelhaft-Zelle.
Im Laufe des Experiments wurden die Unterdrückungsmaßnahmen immer extremer: Als sich die Wärter nachts unbeobachtet fühlten, zwangen sie die Gefangenen, sich auszuziehen und miteinander sexuelle Akte zu simulieren - so wie es die US-Soldaten im Irak mit ihren Häftlingen taten. Zimbardo musste sein auf zwei Wochen angelegtes Experiment nach sechs Tagen abbrechen, weil die Situation vollständig außer Kontrolle geraten war. 30 Jahre später wurde der Fall zur Vorlage des beklemmenden Kinofilms "Das Experiment" mit Moritz Bleibtreu.
Den Folterskandal von Abu Ghureib bezeichnete Zimbardo als logische Folge des Krieges und stellte sich gegen die Annahme, die Quälereien seien die Taten einzelner Sadisten gewesen. Fiske und ihre Kollegen ziehen nach der Auswertung der 25.000 Studien ein ähnliches Fazit: Untergebene tun nicht nur, was ihnen befohlen wird - sie versuchen auch, mit eigenen Methoden zu erfüllen, was sie für den Willen ihrer Vorgesetzten halten. Auf die Frage, ob unter diesen Umständen jeder 18-Jährige die Gefangenen in Abu Ghureib hätte foltern können, antwortete Fiske ungewöhnlich offen: "Unglücklicherweise ja."
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wissenschaft | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Mensch | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2004
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH