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21.12.2004
 

Vioxx, Celebrex & Co.

Schmerzmittel unter Generalverdacht

Nach dem Skandal um das Schmerzmittel Vioxx warnen Behörden in Deutschland und den USA nun auch vor ähnlichen Medikamenten anderer Hersteller. Eine ganze Klasse von Arzneien gerät unter den Verdacht, das Risiko für Herzinfarkte und Schlaganfälle zu erhöhen.

Pfizer-Zentrale in New York: Ärger mit Celebrex
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AFP

Pfizer-Zentrale in New York: Ärger mit Celebrex

In der Pharmabranche hatten alle auf einen Einzelfall gehofft, als der US-Konzern Merck & Co. das weit verbreitete Schmerzmittel Vioxx im Oktober vom Markt nehmen musste. Doch nun kommt es für die Medikamentenhersteller knüppeldick: Nicht nur Vioxx, sondern auch das artverwandte Präparat Celebrex des US-Konzerns Pfizer und Aleve von Bayer sind jetzt in den Verdacht geraten, das Risiko von Schlaganfällen und Herzinfarkten teils drastisch zu erhöhen.

Eine gesamte Klasse von Arzneimitteln könnte schon bald zur Disposition stehen. Naproxen und Celebrex gehören zu den so genannten nicht-steroiden Entzündungshemmern (NSAID). Innerhalb dieser Gruppe von Medikamenten sind Vioxx und Celebrex der Klasse der sogenannten Cox-2-Hemmer zuzurechnen. Die europäische Arzneimittelbehörde stellt derzeit eine Bewertung des Herzkreislaufrisikos für alle in der EU zugelassenen Cox-2-Hemmer auf.

Das nationale Krebsinstitut in den USA hatte zuvor eine Studie mit Celebrex durchgeführt. Nach knapp drei Jahren stellte sich heraus, dass das Medikament das Risiko von Herzkreislauf-Ereignissen wie Herzinfarkt oder Schlaganfall je nach Dosis um das 2,5- bis 3,4-Fache steigern kann. Aufgrund der schockierenden Ergebnisse wurde die Studie sofort abgebrochen. Bei Vioxx, das zur gleichen Wirkstoffgruppe gehört, waren zuvor ähnliche Untersuchungsergebnisse bekannt geworden.

Celebrex-Anzeige: Werbung gestoppt
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Celebrex-Anzeige: Werbung gestoppt

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte erklärte jetzt, die Verwendung von Celebrex bei Patienten mit erhöhtem Risiko für Herzkreislauferkrankungen sei "nicht mehr für vertretbar". In einer am Montag veröffentlichten Erklärung empfahl die deutsche Arzneimittelaufsicht den Ärzten, bei Risikopatienten alternative Medikamente zur Schmerztherapie und Entzündungshemmung zu erwägen. Patienten, die Celebrex einnähmen und wegen der neuen Informationen besorgt seien, sollten ihren Arzt aufsuchen und wegen einer möglichen Therapieänderung um Rat fragen. Laut Pfizer erhalten in Deutschland rund 320.000 Menschen das Rheumamittel Celebrex. Rund 600.000 nähmen Bextra, das als Nachfolgepräparat von Celebrex gilt.

Pharmaexperten forderten Pfizer auf, umgehend zu reagieren. "Celebrex muss vom Markt", sagte Wolfgang Becker-Brüser, Mitherausgeber der Zeitschrift "Arznei-Telegramm", dem "Tagesspiegel". Im Prinzip gelte dies für die gesamte Klasse der Cox-2-Hemmer, zu der Vioxx und Celebrex gehören.

Pfizer hat in einer ersten Reaktion angekündigt, in den USA die Werbung für das umstrittene Medikament zu stoppen. Unternehmenssprecher Andy McCormick sagte, in Zeitungen sowie in Radio und Fernsehen werde ab sofort nicht mehr für Celebrex geworben. Der Konzern lehnt es bisher allerdings ab, das Medikament vom Markt zu nehmen.

Bayer-Konzernzentrale: Aleve soll nicht vom Markt genommen werden
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AP

Bayer-Konzernzentrale: Aleve soll nicht vom Markt genommen werden

Die amerikanische Gesundheitsbehörde FDA hat unterdessen vor einem erhöhten Herzrisiko bei der Einnahme des Schmerzmittels Naproxen gewarnt. Das Medikament wird unter verschiedenen Markennamen vertrieben, unter anderem als Aleve von Bayer und Naprosyn von Roche. Patienten sollten das rezeptfreie Naproxen nicht länger als zehn Tage ohne ärztlichen Rat einnehmen, teilte die FDA mit.

Die Behörde beruft sich auf Ergebnisse einer Studie der National Institutes of Health in den USA, die sich ursprünglich mit dem Entstehen der Alzheimer-Krankheit beschäftigte. Bayer schloss einen Rückzug des Medikaments aus. Aleve sei ein erprobtes Mittel und seit 1976 in den USA auf dem Markt, sagte ein Bayer-Sprecher. Es bestehe kein Handlungsbedarf.

Der Bremer Arzneimittelexperte Gerd Glaeske kritisierte die Hersteller. Diese hätten die Ärzte gedrängt, verstärkt andere Cox-2-Hemmer zu verordnen, "obwohl für die meisten Rheumapatienten bewährte Schmerzmitteln wie Diclophenac und Ibuprofen zur Verfügung stehen", sagte er dem "Tagesspiegel". Viele der unerwünschten Nebenwirkungen von Arzneimitteln beruhten auf Verordnungsfehlern der Ärzte, die gesundheitliche Risiken oder Wechselwirkungen mit anderen Präparaten nicht berücksichtigten.

Bruno Müller-Oerlinghausen, Vorsitzender der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft, forderte von Medizinern eine sorgfältigere Auswahl der Medikamente. "Wir haben schon 2001 auf das Herz-Kreislauf-Risiko von Cox-2-Hemmern hingewiesen", sagte Müller-Oerlinghausen. Es sei allemal falsch, wenn sich die ganze Ärzteschaft nur auf ein paar Präparate stürze. Celebrex sollte aber am Markt bleiben - "unter der Voraussetzung, dass sie tatsächlich nur eingeschränkt und mit ärztlicher Vernunft verordnet wird".

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