Von Annette Bolz
Nächtlicher Verkehr - getrübte Sinne
Auf der Netzhaut des menschlichen Auges sitzen vier verschiedene Typen von Lichtrezeptoren: Drei, die sogenannten Zapfen, sind für das Farbensehen zuständig. Sie funktionieren jedoch nur bei ausreichender Helligkeit - entweder bei Tage oder bei künstlicher Beleuchtung. Der vierte Typus, die Stäbchen, erkennen als einzige auch bei Schummerlicht noch etwas. Allerdings können sie keine Farben wahrnehmen. Deshalb sind nachts alle Katzen grau.
Mit einem ausgeklügelten Versuchsaufbau fanden Karl Gegenfurtner vom Max-Planck-Institut für biologische Kybernetik und Lindsay T. Sharpe von der Universitätsklinik Tübingen heraus, dass die Stäbchen Geschwindigkeiten von sich bewegenden Objekten um 25 Prozent langsamer wahrnehmen als die farbensehenden Zapfen.
Für ihr Experiment benutzten die Forscher fünf Männer, die unter Rot-Grün-Blindheit leiden. Die Testpersonen sollten einschätzen, ob verschieden eingefärbte Balken auf einem Monitor sich gleich schnell bewegten oder nicht. Dabei war ein Balken nur für die Zapfen zu erkennen, ein anderer hingegen nur für die Stäbchen. Glitten beide Balken -computergesteuert - gleich schnell über den Bildschirm, so urteilten die Versuchspersonen, dass einer der beiden, der nur von den Stäbchen erkannt wurde, langsamer sei. Wurde dieser Balken um gut ein Viertel beschleunigt, dann, so meinten die fünf Männer, sausten beide Objekte gleich schnell dahin.
Der Grund dieser Fehleinschätzung liegt in der Physiologie der Netzhaut. Während die farbensehenden Zapfen ihren Input sofort an das Gehirn weiterleiten, warten die Stäbchen erst einmal ab. Denn diese Sehrezeptoren sind so lichtempfindlich, dass ein kleines Helligkeitspünktchen weit hinten am Horizont fast dieselbe Nervenaktivität hervorruft wie das normale Hintergrundrauschen der Nerven. Um ein echtes Lichtsignal von einem neuronalen Störgeräusch unterscheiden zu können, werden die Nervenimpulse zunächst gesammelt. Erst wenn mehrere Stäbchen über einen gewissen Zeitraum hinweg denselben Lichtpunkt wahrgenommen haben, wird diese Information „zusammengepoolt", wie Sharpe erklärt, und weitergeleitet. Die Folge davon ist, dass die Information der Stäbchen verzögert und verschwommen im Sehbereich des Gehirns ankommt. Deshalb wirken des Nachts Konturen verwischter und sich bewegende Objekte langsamer.
Sharpe und Gegenfurtner glauben, dass dieser Stäbchen-Effekt Autofahrer in der Dunkelheit zum Rasen verleitet. Die Zapfen können nur das erkennen, was sich im Lichtkegel der Scheinwerfer befindet: die beleuchtete Straße. Die vorbeihuschenden Büsche und Leitplanken außerhalb des Lichtkegels können jedoch nur von den Stäbchen wahrgenommen werden. Deshalb bleibt der Fahrbahnrand schemenhaft und gleitet scheinbar langsamer vorbei. Doch gerade die Dinge rechts und links von der Fahrbahn benutzen Autofahrer als Orientierungsmerkmale, wenn es um die Einschätzung der Geschwindigkeit ihres Gefährtes geht.
Eine Lösung des Problems wäre, die Fahrbahnränder Nachts zu beleuchten. Doch bevor die beiden Spezialisten für Sinneswahrnehmung sich für eine solche Maßnahme stark machen, wollen sie die Raserei in der Dunkelheit noch genauer untersuchen. Weitere Tests im Fahrsimulator des Max-Planck-Instituts sollen weitere Aufschlüsse über das nächtliche Fahrverhalten bringen.
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