Von Joachim Hoelzgen
Ausgerechnet beim Schneeschuhwandern im US-Staat Utah hat der Tiefsee-Experte David Jourdan öfter als nur einmal überlegt, wie man wohl eines der letzten großen Rätsel des 20. Jahrhunderts lösen kann. Gesucht wird ein Flugzeug vom Typ Lockheed Electra, das seit 1937 östlich der Internationalen Datumsgrenze auf dem Meeresgrund im Becken des Zentralpazifiks liegt - in einem so großen Seegebiet, dass Jourdan nun zur zweiten Fahndungsexpedition ausrücken muss.
Inzwischen hat er alles noch genauer berechnet und das Gebiet auf 400 Quadratkilometer eingegrenzt. "Wichtig ist natürlich der Sonar-Schlitten, der akustisch sogar Autoreifen auf dem Meeresgrund abtasten kann", sagt Jourdan nach seiner Rückkehr aus den Wasatch-Bergen Utahs, wo er noch einmal kurz Urlaub machte. "Und dann erwarte ich, dass der größte Teil des Flugzeugs wegen der Kälte dort unten gut erhalten ist und außerdem nur eine schwache Strömung herrscht."
Das Flugzeug war mit seinem Stromlinien-Design eines der formschönsten, das je gebaut wurde. Und auch die ersten Besitzer passten anscheinend ideal zu den Electras der Baureihe 10-E, die bereits eine Druckkabine und ein einziehbares Fahrwerk besaß. Es waren Howard Hughes, der exzentrische Multimillionär, und die blendend aussehende Pilotin Amelia Earhart, die unerschrocken nach Rekorden am Himmel jagte.
Der Pazifik wahrt bis heute das Geheimnis
Im Gegensatz zu Hughes war Amelia Earhart freilich ein Idol, das Amerika mit Ausdauer, Zähigkeit und Charme in eine Art permanenten Höhenrausch versetzte. Bei dem Versuch, erstmals die Welt entlang des Äquators zu umrunden, war sie über dem Stillen Ozean verschwunden - spurlos, so hatte es den Anschein.
Für Jourdan steht mit der neuen Suche nach Earharts Electra viel auf dem Spiel. Seine Firma namens Nauticos aus Hanover im schmucken Ostküstenstaat Maryland gilt als Primus unter den Tiefenspähern. Nauticos entdeckte ein israelisches U-Boot, das im Mittelmeer gesunken war, und fand den japanischen Flugzeugträger "Kaga", der im Zweiten Weltkrieg bei der Schlacht um die Midway-Inseln unterging. 1999 stießen Jourdan und Nauticos zwischen Alexandria und Kreta auf einen antiken Schiffsfriedhof - eine archäologische Sensation.
"Selbst wenn wir im Cockpit nur die Lederjacke von Amelia finden, wäre das unheimlich gut", meint Jourdan über das nächste große Unternehmen, das im April beginnen und sechs Wochen dauern soll. "Alle möglichen Spekulationen und Verschwörungstheorien würden dann in sich zusammenbrechen."
Amelia Earhart war eine Meisterin beim Überqueren der Meere. Als erste Fliegerin flog sie 1932, genau fünf Jahre nach Charles Lindbergh, allein über den Atlantik. Den Solo-Flug hatten vor ihr elf Männer und drei Pilotinnen gewagt, unter ihnen die englische Prinzessin Anne Lowenstein-Wertheim. Doch alle waren mit ihren klapprigen Kisten abgestürzt und im Atlantik versunken. Earhart aber schaffte es, obwohl in der Nacht ein Sturm tobte, die Tragflächen vereisten und der Höhenmesser ihres Flugzeugs ausgefallen war.
Landung auf Gallaghers Weide
Bei Londonderry in Nordirland setzte sie auf und traf einen Hirten, den sie fragte, wo sie angekommen sei. "Auf Gallaghers Weide", entgegnete der und wollte wissen: "Kommen Sie von weit her?" "Ja, aus Amerika", antwortete Earhart.
Solche Anekdoten über ihre Heldin erwärmen das Herz der Amerikaner heute noch. Airport-Terminals wie jenes des internationalen Flughafens von Boston sind nach ihr benannt. Ihr Fliegerbuch mit dem Titel "The Fun of It" (zu Deutsch: "Der Spaß dabei") zählt zur Pflichtlektüre vieler Oberschulen. Und aus Dankbarkeit hängt die damalige Maschine Earharts, eine rote Lockheed Vega mit bulligem Sternmotor, im National Air and Space Museum in Washington, der Ruhmeshalle der US-Luftfahrt.
New York ehrte Earhart nach dem Atlantikflug mit einer Konfettiparade. Das Repräsentantenhaus und der Senat verliehen ihr das Flying Cross - die höchste Auszeichnung für Flieger. Herbert Hoover, damals Präsident der USA, überreichte die Goldmedaille der berühmten National Geographic Society, die sonst nur Entdeckern vorbehalten war. Und weil eine französische Zeitung schnippisch gefragt hatte, ob Earhart auch einen Kuchen backen könne, nahm diese die Medaille gelassen "auch im Namen aller Kuchenbäckerinnen" an.
Ungebremste Jagd auf Rekorde
Die rasende Amelia blieb weiter in Rekordlaune. Wohlgefällig ruhte das Auge des Verlegers George Putnam auf dem Tausendsassa, der in Connecticut mit ihm die Ehe schloss - das aber erst nach Vorlage eines Ehevertrags, den natürlich Amelia verfasst hatte. Ursprünglich war die New Yorker Putnam Publishing Company dank der Erzählungen Charles Lindberghs bekannt geworden. Nun aber half deren Besitzer bei einer brillanteren und steilen Karriere, die Amelia anfangs bescheiden als Sozialarbeiterin begann, indem sie in Boston die Kinder von Einwanderern betreute.
1933 überquerte Amelia Earhart die große Landmasse der USA auf dem Flug von Los Angeles nach Newark, New Jersey, wofür sie 17 Stunden und 7 Minuten brauchte, die schnellste Zeit in jenen Tagen. Und auch am Boden reüssierte sie, nun als praktisch orientierte Modemacherin. Sie entwarf einen Piloten-Overall, der mit breiten und bequemen Taschen und mit einem fingerbreiten Reißverschluss zum Verkaufsschlager wurde - und es bis heute geblieben ist. Dann wurde aus ihr eine Art frühe Jil Sander der Vereinigten Staaten. Nur feine Geschäfte wie Macy's in New York boten die Hosenanzüge Earharts an und dazu auch das Fluggepäck, das sie samt Hut- und Kosmetikkoffer kreiert hatte.
Schließlich glückte Earhart wieder eine ganz spezielle Mutprobe, bei der schon zehn Piloten das Leben verloren: Sie bewältigte die Strecke von Honolulu nach Oakland in Kalifornien und damit die erste Teilüberquerung des Pazifik. Amerikas neuer Präsident Franklin D. Roosevelt schickte ihr ein Glückwunschtelegramm. Sie habe "wieder ins Schwarze getroffen" und allen Zweiflern bewiesen, dass die Luftfahrt "nicht nur auf Männer beschränkt" werden dürfe, so Roosevelt.
Earhart war unbestritten Amerikas Champion der Gleichberechtigung. Männer konnten beim Air Corps der Armee, das Frauen verschlossen war, leichter das Fliegen erlernen, und dennoch war keiner erfolgreicher als sie. Eine erstaunliche Karriere gab es allerdings auch in der Türkei, wo Sabiha, die Adoptivtochter des Staatsgründers Atatürk, erste Kampfpilotin der Welt wurde. Und im Deutschland des Dritten Reichs triumphierte Hanna Reitsch, die als erste Frau zur Flugkapitänin ernannt wurde, ihr Talent dann aber als Luftwaffen-Testpilotin dem Regime widmete.
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