Das Testkit, das Labormitarbeiter des National Microbial Laboratory Canada Ende März untersuchten, enthielt eine gefährliche Überraschung. Beim Identifizieren der Proben verschiedener Virenstämme stießen sie auf den Erreger der so genannten Asiatischen Grippe, die im Jahr 1957 mindestens eine Million Menschen das Leben gekostet hat. Der Stamm mit dem Namen H2N2 gilt seit Ende der sechziger Jahre als ausgerottet; nur in den Kühlschränken verschiedener Labors existierte das Virus noch.
Die kanadischen Mikrobiologen schlugen sofort Alarm, als ihnen klar geworden war, was für ein Killervirus in dem Testkit lauerte. Die Weltgesundheitsorganisation WHO und das amerikanische Center for Desease Control and Prevention wurden eingeschaltet. Schnell war klar: Der äußerst gefährliche Virenstamm stammte von einer US-Biotech-Firma, die ihn seit Jahresbeginn an mehr als 3700 Labore weltweit verschickt hatte - auch an sechs deutsche Institute in Baden-Württemberg, Bayern und Rheinland-Pfalz.
Um einen möglichen Ausbruch des Erregers zu verhindern, hat die WHO jetzt die Labore zur sofortigen Zerstörung der Virenstämme aufgefordert. Es bestehe das Risiko, dass sich ein Labormitarbeiter mit dem Virus infiziere und eine weltweite Influenza-Epidemie auslöse, sagte der für Grippe zuständige WHO-Experte Klaus Stöhr. Das Risiko sei zwar gering. "Aber sehr viele Labors haben den Virenstamm, und wenn sich jemand infiziert, besteht die Gefahr einer schweren Gesundheitsschädigung." Es habe sich erwiesen, dass das Virus sehr ansteckend sei.
Die sechs deutschen Empfänger des Testkits haben die Viren nach eigenen Angaben bereits vernichtet, berichtete das Robert-Koch-Institut aus Berlin.
Stöhr kritisierte den Versand ausdrücklich. Die Absenderfirma habe das Risiko eines neuerlichen Ausbruchs der Grippeart in Kauf genommen. "Es war eine unkluge Entscheidung, es zu versenden", sagte der WHO-Experte.
Das tödliche Virus war von der Firma Meridian Bioscience mit Sitz in Cincinnati, Ohio, an rund 3700 Labore in 18 Ländern verschickt worden - die meisten davon in den USA. Das Unternehmen hatte den Auftrag, eine Influenza-A-Probe für Testkits herzustellen, mit denen Labore interne Qualitätskontrollen ihre Arbeit durchführen. Statt der vorgesehenen H3N2-Viren wählte Meridian Bioscience dafür den tödlichen H2N2-Erreger aus. Weil die H2N2-Erreger seit Ende sechziger Jahre nicht mehr zirkulieren, sind zumindest jüngere Menschen nicht mehr gegen die Asiatische Grippe geschützt.
H2N2-Viren werden nach Angaben des Robert-Koch-Instituts (RKI) in verschiedenen Laboren weltweit aufbewahrt. Völlig ausrotten lassen sich sie sich kaum. "Die meisten Influenzaviren kommen in Tieren vor, vor allem in Wildvögeln", sagte RKI-Sprecherin Susanne Glasmacher gegenüber SPIEGEL ONLINE. Es habe nur einen Versuch der WHO gegeben, eine gefährliche Virenart zu eliminieren: die Pocken. Ihre Erreger lagern nur noch in zwei Hochsicherheitslaboren in den USA und in Russland. Nach dem Auftauchen von Briefen mit dem Milzbrand-Erreger habe man von der endgültigen Ausrottung jedoch Abstand genommen.
Holger Dambeck
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