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Hiroshima-Serie Vernichtung, "sobald das Wetter es erlaubt"

2. Teil: Lesen Sie im zweiten Teil: Was Truman zum Einsatz der Bombe bewog

Churchill, Truman, Stalin: "Keine Diskussion"
DPA

Churchill, Truman, Stalin: "Keine Diskussion"

Das neue Zeitalter begann am 16. Juli 1945 um 5.30 Uhr. In einer Wüstengegend New Mexicos, der die Militärs - auf Oppenheimers Vorschlag hin - den Codenamen "Trinity" gegeben hatten, "Dreifaltigkeit", zündeten Wissenschaftler eine der beiden Plutoniumbomben.

Ein Feuerball, so hell wie tausend Sonnen, schmolz den Wüstensand zu Glas. Der Blitz und der Rauchpilz waren noch Dutzende Kilometer weit zu sehen, die Zerstörungskraft von Hitze und Druckwelle übertraf die kühnsten Erwartungen von Militärs und Wissenschaftlern.

"Was für eine Explosion!"

"Was für eine Explosion", meldete Groves an den Präsidenten in einem Memorandum. Der Satz ist, untypisch für einen militärischen Bericht, freigestellt, unterstrichen und mit einem Ausrufezeichen geschmückt.

Und noch etwas zeugt vom Optimismus und von der Ungeduld der Männer des Manhattan Projects: Der Zylinder mit dem U-235-Kern für die Uranbombe hatte bereits am 14. Juli die Waffenfabrik in Richtung Tinian verlassen - zwei Tage vor dem ersten Test. Die Atombombe war einsatzbereit. Wie würde sich der Präsident entscheiden?

Harry Truman befand sich an diesem Tag in Potsdam. Gemeinsam mit Winston Churchill und Josef Stalin entschied er in einer mehrwöchigen Konferenz über die Ordnung der Nachkriegswelt. Stunden nach der Explosion war ihm ein erster Rapport zugestellt worden.

Andererseits hatte er drei Tage vor der Zündung von seinen Diplomaten erfahren, dass sich die japanische Regierung diskret nach den Friedensbedingungen erkundigte. Das Kaiserreich war bereit, sich zu ergeben. Die einzige Bedingung der Japaner: Der Tenno dürfe auf keinen Fall abgesetzt oder gar, wie auf alliierter Seite gefordert, vor ein Gericht gestellt werden.

Die Bombe als Alternative zur Invasion?

Doch weder Truman noch Churchill oder Stalin dachten daran, diese Bitte zu erfüllen. Seit 1943 schon hatten die Alliierten die "bedingungslose Kapitulation" Deutschlands und Japans verlangt. Wenn Tokio dies nicht akzeptiere, so sah es Truman, dann werde ab Herbst 1945 die US-Invasion anrollen. Die wiederum, das versicherten ihm seine militärischen Berater, würde eine Million amerikanische Opfer fordern. Wäre es da nicht geradezu human, die Atombombe einzusetzen? Die Bombe als Alternative zur Invasion? Die nukleare Explosion, die im Bruchteil einer Sekunde vollbringt, was sonst nur durch einen monatelangen Landkrieg erreicht werden könnte?

Nachbau von "Little Boy": Abgeworfen, weil sie da war?
AP

Nachbau von "Little Boy": Abgeworfen, weil sie da war?

Lieber einige zehntausend Opfer durch einen Blitz als einige hunderttausend durch einen Feldzug? So dachte Truman, so zumindest hat er bis zum Ende seines Lebens argumentiert. Und doch waren seine Motive - und die der Militärs - möglicherweise sehr viel komplexer. Oder sehr viel simpler.

Komplexer, weil sich Truman schon kurz, nachdem er von der Existenz des Atombombenprogramms erfahren hatte, Ratschläge geben ließ. Er berief ein Komitee aus Wissenschaftlern und Politikern ein, um sie zu fragen, ob die Bombe eingesetzt werden solle. Die Männer, unter ihnen Oppenheimer und Fermi, votierten dafür, Japan ohne Vorwarnung anzugreifen. Andere Atomforscher dagegen, etwa Leó Szilárd, sahen nach der deutschen Kapitulation keine Notwendigkeit mehr für einen Einsatz. In einem Memorandum vom 11. Juni 1945 rieten sie, japanische Beobachter zu einer Testexplosion einzuladen, damit die sich von der schrecklichen Wirkung der Waffe überzeugen konnten.

Die US-Militärs lehnten diesen Vorschlag ab: Was wäre, wenn diese erste Explosion einer nie zuvor getesteten Waffe scheitern würde? Statt Japan zu entmutigen, hätte eine Fehlzündung den Kampfeswillen des Feindes gestärkt. Ein mögliches weiteres Motiv für Trumans Entscheidung: Der spätere Außenminister James Byrnes hatte bereits am 3. März 1945 in einer Denkschrift daran erinnert, dass das Manhattan Project zwei Milliarden Dollar verschlungen hatte - und zwar aus Geheimfonds. Diese Ausgaben waren vor dem US-Kongress verheimlicht worden. Zudem waren zwei für das Projekt wichtige Firmen von staatlichen Ermittlungen wegen Kartellbildung verschont worden. "Wenn das Projekt ein Fehlschlag wird", warnte Byrnes, "wird es zu gnadenlosen Untersuchungen und zur Kritik führen." Mit anderen Worten: Wenn die Regierung ein Vermögen heimlich ausgibt, ohne dafür ein überzeugendes Resultat präsentieren zu können, riskiert sie ihre politische Existenz.

Der Sowjetherrscher zeigte sich freundlich interessiert

Zudem dachten manche amerikanische Politiker bereits nicht mehr an Japan - sondern an die UdSSR. Der US-Präsident hatte Stalin am 24. Juli in Potsdam eher nebenbei über die Existenz einer "neuen Bombe" informiert, der Sowjetherrscher hatte sich freundlich interessiert, aber nicht weiter beeindruckt gezeigt.

US-Kriegsminister Henry Stimson dagegen hatte bereits einen Tag zuvor in seinem Tagebuch notiert, dass die Sowjetunion ohne einen amerikanischen Einsatz der Atombombe im Pazifik ungeheuren Einfluss gewinnen werde. Die Bombe sollte also nicht in erster Linie Japan niederzwingen, sondern die UdSSR aus dem Fernen Osten heraushalten.

Vielleicht waren Trumans Motive aber auch viel simpler: Die Atombombe wurde abgeworfen, weil sie da war. Schließlich setzten im Zweiten Weltkrieg alle Kontrahenten fast jede Waffe, die einsatzfähig war, auch tatsächlich ein. Und warum sollte man ausgerechnet auf die Japaner Rücksicht nehmen, die den Krieg im Pazifik ja schließlich mit dem Angriff auf Pearl Harbor begonnen hatten - einem infamen Überfall ohne Kriegserklärung, der 2500 Amerikaner das Leben gekostet hatte?

Der britische Premier Winston Churchill jedenfalls, dem am 17. Juli ein codiertes Telegramm mit der Nachricht von der Atombombenexplosion ("Babys problemlos geboren") überreicht worden war, schrieb später über die entscheidenden Tage von Potsdam: "Nicht für einen Augenblick gab es eine Diskussion darüber, ob man die Atombombe einsetzen sollte oder nicht." Ob nun nach sorgfältigem Abwägen oder ohne lange nachzudenken: Am 25. Juli 1945 gibt Truman der Strategischen Luftflotte im Pazifik den Befehl, die "Spezialbombe" nach dem 3. August einzusetzen, "sobald das Wetter es erlaubt".

Das Wort "Atombombe" fällt im Briefing nicht

B-29-Bomber "Enola Gay", Besatzung: Das Wort "Atombombe" fällt nicht
AFP

B-29-Bomber "Enola Gay", Besatzung: Das Wort "Atombombe" fällt nicht

Tinian, North Field, Samstag, 4. August 1945, 15.00 Uhr. Sechs Crews der 509th Composite Group haben die Order, sich im Versammlungsraum einzufinden. In der Nissenhütte ist es stickig von Zigarettenqualm. Captain William Sterling Parsons, ein Marinetechniker, erhebt sich. "Ich habe an der Bombe, die Sie bald abwerfen werden, mitgearbeitet", beginnt er. Dann zeigt er Bilder der ersten Atombombenexplosion in New Mexico, die er selbst an Bord eines Beobachtungsflugzeuges miterlebt hat. Er gibt eine kurze Einführung in das Projekt. Das Wort "Atombombe" benutzt er nicht. Die meisten Männer in der Baracke wissen immer noch nicht genau, was sie bald abwerfen sollen. Doch immerhin dies: Parsons schätzt, dass die Sprengkraft ihrer Bombe der von 20 Kilotonnen TNT gleichkommt. Das entspricht der Zerstörungskraft zweier 1000-Bomber-Angriffe.

Dann werden neue Bilder an die Wand geworfen - und jetzt geht erstmals ein Raunen durch die Reihen. Luftaufnahmen einer unzerstörten japanischen Stadt! Niemand hätte es für möglich gehalten, dass es noch unverwüstete Orte beim Feind gibt.

"Das ist Hiroshima", sagt Tibbets. Stundenlang werden die Soldaten von Offizieren und Wissenschaftlern eingewiesen: Drei B-29 werden vorausfliegen, je eine nach Hiroshima, Kokura und Nagasaki. Es sind die Pfadfinder, die das Wetter und mögliche Flugabwehrreaktionen über den Zielstädten auskundschaften sollen. Eine Stunde später wird ihnen die B-29 mit der Atombombe folgen, begleitet von einer weiteren Maschine, welche Messinstrumente abwerfen soll, und einer dritten, von der aus Film- und Fotoaufnahmen gemacht werden.

Von Cay Rademacher, GEO Epoche

Lesen Sie demnächst im dritten Teil der Artikelserie: Der Einsatz beginnt - und eine junge Bankangestellte und der Schüler Akihiro Takahashi überleben das Inferno. Teil 1 der Serie: Was die Amerikaner zur Entwicklung der ersten Atombombe veranlasste

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