Von Harald Welzer
Hinzu kommt, dass sich Menschen nicht in jedem Lebensalter auf dieselbe Weise erinnern. Das autobiografische Gedächtnis benötigt zunächst eine lange Entwicklungszeit: Es entsteht erst mit dem dritten Lebensjahr - was ein Mensch vor diesem Alter erlebt hat, fällt der sogenannten kindlichen Amnesie zum Opfer. Erinnerungen an die eigene Geschichte setzen zudem ein ausgereiftes Selbstkonzept sowie die Fähigkeit voraus, Einschätzungen über das eigene Ich sprachlich auszudrücken. Daher entwickelt sich das autobiografische Gedächtnis erst zum Ende der Adoleszenz vollständig.
In einer laufenden Studie zur altersspezifischen Gedächtnisverarbeitung, die der Bielefelder Psychologe Hans Joachim Markowitsch und ich gegenwärtig durchführen, zeigt sich, dass die Aktivierungsmuster für frühe Kindheitserinnerungen deutlich anders aussehen als für Erinnerungen aus späteren Lebensphasen. Auch neuronal befindet sich das autobiografische Gedächtnissystem in der Kindheit in einer Bildungsphase; selbstbezogene Erinnerungen werden noch nicht stabil repräsentiert.
Dieser Umstand ist wahrscheinlich verantwortlich dafür, dass wir bei vielen Erinnerungen aus unserer Kindheit nicht sicher sagen können, ob sie auf eigenes Erleben oder auf Erzählungen anderer zurückgehen, etwa der Eltern. Kleine Kinder können zwischen verschiedenen Quellen von Erinnerungen kaum differenzieren. Deshalb fällt ihnen meist auch die Vorstellung schwer, dass jemand etwas anderes erlebt hat als sie selbst oder etwas nicht weiß, das ihnen bekannt ist. Weil ihr selbstbezogenes Gedächtnis noch wenig entwickelt ist, sind sie sehr anfällig für Erinnerungstäuschungen und Suggestionen. Sie konfabulieren gern, berichten also über "eigene" Erfahrungen, die sie in Wirklichkeit gar nicht selbst erlebt haben. Das lässt allerdings den Schluss zu, dass gerade frühe Kindheitserinnerungen aus Kriegstagen sehr offen für eine Angleichung an das sind, was alle anderen auch erinnern.
Ein weiteres Phänomen der altersspezifischen Gedächtnisverarbeitung hat mit der mal höheren, mal niedrigeren Erinnerungsdichte je nach Lebensphase zu tun: Besonders das junge Erwachsenenalter ist eine Phase der "Reminiscence Bumps", Erinnerungsberge, zu denen sich Inhalte auftürmen, die wir auch später noch behalten. Hier erreicht das autobiografische Gedächtnissystem seine volle Kapazität. Viele der Zeitzeugen erlebten die nationalsozialistische Herrschaft und den Krieg genau in dieser Phase. Auch deshalb mag diese Zeit heute noch viele beschäftigen.
Zudem haben diese Erinnerungen oft eine hohe emotionale Bedeutung, weil die mit ihnen verbundenen Erlebnisse die Weichen für das weitere Leben gestellt haben. All dies lässt sich nicht nur an Erzählungen und der subjektiven Schau nach innen ablesen. Auch auf neuronaler Ebene zeigen Erinnerungen aus verschiedenen Lebensabschnitten bei älteren Personen sehr unterschiedliche Aktivierungsmuster. Im Alter scheinen länger zurückliegende Ereignisse stabiler und reichhaltiger im Gedächtnis zu haften als kürzer zurückliegende. Auch nehmen ältere Erinnerungen einen statischen, abgeschlossenen Charakter an: Sie werden resistent gegenüber Veränderungen, aber auch gegen Reflexionen.
Der Schriftsteller Martin Walser sagte 1988 in seinem Vortrag "Über Deutschland reden", er habe das Gefühl, er könne mit seinen Erinnerungen nicht nach Belieben umgehen: "Es ist mir zum Beispiel nicht möglich, meine Erinnerung mit Hilfe eines inzwischen erworbenen Wissens zu belehren." Später Gelerntes und Erfahrenes konnte also sein eigenes Wissen darüber, was er in der Kindheit erlebt hat, nicht einfach überschreiben. Walser ist danach mit seiner offensiv vorgetragenen Weigerung, seine Kriegserinnerungen zu überdenken, stark unter Beschuss geraten. In unseren Untersuchungen finden wir aber eine mögliche Erklärung dafür, dass Kindheitserinnerungen so stark verankert sein können, dass sie sich gegen Korrekturen immun zeigen.
"Opa war kein Nazi!"
Solche Erinnerungskonflikte können sich über Generationen fortpflanzen. Wir haben in einer Studie zur Weitergabe von Vergangenheit im Gespräch zeigen können, dass selbst dann, wenn die Großeltern sich in ihren Geschichten als ausgemachte Antisemiten oder sogar als Kriegsverbrecher darstellen, die Zuhörer zu ganz eigenen Versionen des Erzählten kommen: Wie in einem Kaleidoskop drehen sie die Elemente und Merkmale der Geschichten in eine neue Konstellation, und aus Antisemiten werden Helden des Widerstands.
Bei der Weitergabe von Erinnerungen spielen Gefühle eine große Rolle: Wenn in der Familie Geschichten aus dem "Dritten Reich" erzählt werden, haben die Angehörigen der Enkelgeneration ein großes emotionales Bedürfnis, Gutes über ihre Vorfahren zu erfahren - dass sie also keine Nazis waren oder sich sogar aktiv für Verfolgte einsetzten. Dieses Bedürfnis ist umso stärker, je mehr die jungen Menschen über die nationalsozialistischen Verbrechen wissen und je fester ihre Überzeugung ist, dass der Holocaust das schrecklichste Menschheitsverbrechen der Geschichte war.
Dadurch weichen die Inhalte der offiziellen und der privaten Erinnerungskultur extrem stark voneinander ab. Während im Geschichtsunterricht oder in Gedenkstätten die nationalsozialistischen Verbrechen im Zentrum stehen, wird im Familiengedächtnis das Leiden unter Bombenkrieg und Vertreibung angesprochen. Die emotionalen Bezüge zur Vergangenheit liegen hier.
Dies alles zeigt: Geschichte und Erinnerung sind zwei grundverschiedene Dinge. Während die Geschichtsschreibung eine möglichst objektive Wahrheit sucht und dabei ausgefeilte Techniken der Quelleninterpretation entwickelt hat, bezieht sich Erinnerung immer auf die Identität desjenigen, der sich erinnert. Er behält im Gedächtnis, was für ihn selbst und vor allem für die eigene Gegenwartsbewältigung wichtig ist. Erinnerungen an historische Ereignisse sind collageartige Gebilde, die sich aus vielen Quellen speisen. Kein Wunder, dass der Krieg der Erinnerung so anders erscheint als der Krieg der Historiker.
Harald Welzer ist Forschungsprofessor für Sozialpsychologie an der Universität Witten-Herdecke und leitet die Gruppe "Interdisziplinäre Gedächtnisforschung" am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen.
Literatur:
Bourke, J.: An Intimate History of Killing. Philadelphia: Basic Books 2000.
Lewandowsky, S., Stritzke, W.G.K., Oberauer, K., Morales, M.: Memory for Fact, Fiction, and Misinformation. The Iraq War 2003. In: Psychological Science 16(3), S. 190-195.
Markowitsch, H.J., Welzer, H.: Das autobiografische Gedächtnis. Stuttgart: Klett-Cotta (im Erscheinen).
Welzer, H., Tschuggnall, K., Moller, S.: "Opa war kein Nazi". Nationalsozialismus und Holocaust im Familiengedächtnis. Frankfurt/Main: Fischer 2002.
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