Von Sassan Niasseri
"Jeder Piepser wird bei mir zum Trompetensolo", klagte der wie ein Popstar gefeierte Albert Einstein einmal. Heute kann man nur mutmaßen, was der Physiker, von einem Verehrer einst als "Chefingenieur des Universums" bezeichnet, über die am Montag eröffnete Ausstellung im Berliner Kronprinzenpalais sagen würde. Dort widmet man sich seinem Leben und Wirken mit mehr als 1000 Exponaten, darunter Originale von der Hebräischen Universität Jerusalem sowie interaktive Medien und Projektionen. Einer ist sich sicher, Einstein hätte daran seine Freude gehabt: Ausstellungsleiter Jürgen Renn vom Max-Planck-Institut für Wissenschaftsgeschichte. "Wenn ihm eine Ausstellung im Einstein-Jahr gefallen hätte, dann diese", behauptet der Berliner Einstein-Forscher.
Nicht der "Mythos Einstein" oder "Einstein, das große Genie" stünden im Mittelpunkt. Renn: "Es geht um Fragen, die ihn beschäftigt haben, Weltbilder und Wissenschaft im Wandel der Jahrhunderte." Einsteins Lebensweg sei "drastisch gesagt nur ein Aufhänger für Menschheitsfragen, die uns immer begleiten werden". Wie wird Einstein sich da noch einfügen? Vor allem: Wie bringt man dem normalen Museumsbesucher das Genie eines Menschen nahe, der so rätselhaft wie anziehend wirkt?
Nur die wenigsten begreifen Einsteins Welt. Seine Arbeiten, wie die im "Annus mirabilis" 1905 verfasste Relativitätstheorie, sind für Laien ein Rätsel. "Wir wollen auch nicht lehrbuchartig Wissen vermitteln", sagt Renn, "sondern zum Weiterbeschäftigen anregen." Gut, dass es in jedem Raum bedienbare Medienstationen gibt - diese erläutern vor allem die Funktion technischer Exponate. Dazu gibt es Film-Projektionen, in denen Schauspieler in den Rollen von Forschern wie Aristoteles oder Isaac Newton im Dialog die Welt aus ihrer Sicht erklären. Ein kleines Schauspiel, etwas böser könnte man sagen: Infotainment. Aber ohne das verstünde man vielleicht nur Bahnhof.
Weltbild und Erkenntnis
Der Nachbau eines Experimentiergerätes, mit dem Otto Hahn 1938 Grundlagen für die Nutzung von Atomenergie schuf, ist so ein schwieriger Fall. Ein Holztisch mit lauter verkabelten Geräten und Glühbirnen, so also, wie man es sich auch bei Daniel Düsentrieb vorstellen könnte. Nur ist hier die Wirkung des Geräts gewichtiger als das Ausstellungsstück selbst. Kräfte wurden damit bewegt, aber das Exponat selbst erscheint unnahbar. So seltsam allein gelassen fühlt man sich mit vielen Bauten im goldgelben "Raum der unsichtbaren Kräfte". Die Farbgestaltung dieses Saals, sagt Renn, solle bewusst an die Tradition der Alchimisten erinnern. Auch das war damals Grundlagenforschung, schließlich sei Einstein "die Formel E=mc2 nicht als Genieblitz eingefallen".
Die Stärke der Schau liegt in ihrer Gliederung. In drei aufeinander aufbauenden Abschnitten wird die jahrtausende lange Entwicklung der Physik veranschaulicht - ohne mit Formeln und Konstruktionen überfrachtet zu sein. "Weltbild und Erkenntnis" widmet sich dem Spannungsverhältnis von Wissenschaft und Glauben - im Vordergrund stehen grundlegende Fragen wie "Warum fallen Gegenstände zur Erde?" Abenteuerlich anzusehende Geräte, zum Teil aus dem 18. Jahrhundert, verschaffen eine Ahnung von dem, was mit dem Technikfortschritt kommen wird: Die so genannte Scheibenelektrisiermaschine zur Herstellung von Elektrizität war damals eine Sensation. Sie sieht aus wie eine Mischung aus Plattenspieler und Kaffeemühle.
Der Lebensweg eines Genies
"Einsteins Lebensweg" wiederum thematisiert biografische Stationen. Das Ulmer Kinderzimmer, der elektrotechnische Betrieb der Eltern, Einsteins Studierstube. Die Nachbauten dieser Lebenswelten schaffen vor allem Atmosphäre. Alles läuft aufs Wunderjahr 1905 mit den vier bahnbrechenden Arbeiten hinaus, deren berühmtestes Ergebnis jene Formel ist, mit der der 26-jährige Einstein den Zusammenhang zwischen Energie und Masse eines Körpers ableitet. Diesen Arbeiten widmet sich ein schlichter, in fluoreszierendem Weiß strahlender Raum - revolutionäre Gedanken brauchen nicht viele Worte. Das eigentliche Star-Exponat im folgenden Saal geht da beinahe unter: Einsteins Berliner Schreibtisch, den er vom US-Exil aus nach Princeton verschiffen ließ.
Der dritte Abschnitt "Einsteins Welt heute" schließt den Kreis: Hier soll Einsteins Wirken auf den Wandel der Weltbilder, sein Einfluss auf Politik und Kultur gezeigt werden. Der Streit um den Umgang mit Atomenergie ist da nur ein Beispiel. In einem als Konferenzraum gestalteten Saal wird darüber medial diskutiert.
Dann gibt es da noch den Raum, der "Straße des öffentlichen Lebens" heißt: verschlungene Wege als Abbild genialer Gedanken. "Sie spiegeln Höhepunkte von Einsteins Forscherdasein wider, aber auch persönliche Tragödien", sagt Ausstellungsgestalter Stefan Iglhaut. Auf den internationalen Durchbruch 1919 - eine Sonnenfinsternis-Beobachtung bestätigt die allgemeine Relativitätstheorie - folgen Verunglimpfungen durch die Nazis. 1933 emigriert Einstein in die USA. Hier endet auch die Straße. Renn: "Einsteins Beziehung zu Deutschland wird beleuchtet, sonst hätten wir auch kein Recht, die Ausstellung zu machen."
"Total besoffen leider"
Der biografische Abschnitt beherbergt die Herzstücke der Ausstellung, und - auch wenn Einstein nur als "Aufhänger" fungieren soll - er ist der sehenswerteste. Die sogenannte Schatzkammer enthält Dokumente, die den Intellekt, das Drama seine Lebensfreude packend widerspiegeln. Der Brief an William Frauenglass, in dem Einstein 1953 seine Einstellung zum McCarthyismus äußert ("Inquisition verweigern") ist darunter. Ebenso der Brief, in dem er 1933 nach der Machtergreifung der Nazis seinen Austritt aus der Preußischen Akademie der Wissenschaften erklärt.
Eine Postkarte an einen Freund erzählt mit fahriger Handschrift davon, wie Einstein seinen wissenschaftlichen Durchbruch feierte: "Total besoffen leider beide unterm Tisch. Ihr armer Steisbein & Frau". Der Mensch Einstein - man lässt sich noch immer gerne von ihm überraschen.
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