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23.05.2005
 

Durchleuchtet

Röntgenstrahl enthüllt Archimedes-Text

Mit einem Teilchenbeschleuniger konnten Physiker der kalifornischen Stanford University das älteste Archimedes-Manuskript wieder lesbar machen. Der antike Text des mathematischen Genies war im 12. Jahrhundert von einem Mönch überschrieben worden.

Archimedes-Palimpsest im Field Museum in Chicago: Entziffert mit dem Teilchenbeschleuniger
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AP

Archimedes-Palimpsest im Field Museum in Chicago: Entziffert mit dem Teilchenbeschleuniger

Es war eine Art Recycling. Ein Buch war im Mittelalter so wertvoll, dass es oft nicht nur einmal verwendet wurde. So machte sich im 12. Jahrhundert ein Mönch mit Bimsstein und Zitronensäure ans Werk, um ein zwei Jahrhunderte zuvor kopiertes Archimedes-Manuskript von 174 kostbaren Ziegenleder-Seiten zu tilgen. Statt der "Methoden der mechanischen Theoreme" und des "Traktates über schwimmende Körper" von Archimedes waren dort fortan Gebete zu lesen.

Ungleich kniffliger als das Löschen ist es, die verlorenen Schriften eines solchen Palimpsestes wieder sichtbar zu machen. Seit Jahren arbeiten Wissenschaftler der amerikanischen Johns Hopkins University und des Rochester Institute of Technology unter anderem mit Techniken aus Raumfahrt und Medizin daran, dieses älteste erhaltene Archimedes-Manuskript zu entschlüsseln. Auf vier Seiten scheiterten sie bisher. Im 20. Jahrhundert hatten Fälscher byzantinische Bilder in das Gebetbuch gemalt, um so den Wert zu erhöhen. Nun verstellten diese Fälschungen den Blick auf Archimedes' Ideen.

Doch die Tinte, mit deren Hilfe der Archimedes-Text kopiert worden war, enthält Eisenpartikel. Als Uwe Bergmann, Physiker der Stanford University, dies in einem Artikel las, hatte er sein eigenes Heureka-Erlebnis: "Ich habe mir sofort gedacht, dass wir das Schriftstück mit Röntgenstrahlen lesen könnten", so Bergmann. "Alles, was Eisen enthält, kann auf diese Weise sichtbar gemacht werden."

Normalerweise benutzt der Forscher den Teilchenbeschleuniger des Stanford Linear Accelerator Center für Studien über die Aufspaltung des Wassers während der Photosynthese. Nun erhellte er mit der sogenannten Synchrotron-Strahlung fünf Tage lang den antiken Text.

Dieses besondere Licht wird erzeugt, wenn ein Elektronenstrahl mit Lichtgeschwindigkeit ein starkes Magnetfeld passiert und dadurch abgelenkt wird. Dabei entstehen elektromagnetische Wellen vom Infrarot- bis tief in den Röntgenbereich, die unter anderem Eisenpartikel fluoreszieren lassen. Ein Detektor zeichnete das Leuchten auf und machte so die alten Schriftzeichen lesbar.

Das Manuskript wurde vermutlich direkt von einem Archimedes-Original aus dem dritten Jahrhundert vor Christus abgeschrieben. Ein privater Sammler kaufte es 1998 für zwei Millionen Dollar und stellte es der Walters Art Gallery in Baltimore zur Verfügung. Seitdem versuchen Wissenschaftler dort, den unbekannten Teilen der Texte auf die Spur zu kommen. Die "Methoden der mechanischen Theoreme" gehören zu Archimedes wichtigsten Werken.

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