Experten der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) sind besorgt. Bei den Untersuchungen im Anschluss an die Aufdeckung eines internationalen Schmugglerringes für Nukleartechnologie stieß man auf Baupläne für Uranzentrifugen. Ein vollständiger Satz dieser Pläne, der an Libyen gegangen war, ist im Besitz der IAEA. Nach den Erkenntnissen der Organisation existieren aber weitere Kopien - und über deren Verbleib weiß man nichts.
"Wir wissen, dass es mehrere Sätze davon gab", sagte ein Vertreter der IAEA der britischen Zeitung "The Guardian". "Wer hat also diese elektronischen Pläne?" Man habe keine Hinweise darauf gefunden, dass die übrigen Datenträger mit Kopien der Blaupausen zerstört worden seien. "Wir wissen einfach nicht, wo sie sind."
Wenn die Pläne, die Hunderte von Seiten umfassen, auf dem Schwarzmarkt weiterverkauft worden sein sollten, könnte das fatale Folgen haben. Sie enthalten detaillierte Anleitungen für den Bau von Zentrifugen zur Uran-Anreicherung. Mit solchen Zentrifugen könnte man atomwaffenfähiges Material herstellen. Zusätzliche Sorgen bereitet der IAEA, dass bestimmte Einzelteile von Zentrifugen und womöglich auch Pläne für den Bau eines atomaren Sprengkopfes verschwunden sind.
Gewinnbringender Handel mit Gaszentrifugen
Das Nukleartechnologie-Netzwerk des pakistanischen Wissenschaftlers Abdul Qadir Khan hatte verschiedene Staaten, neben Libyen auch den Iran und Nordkorea, mit Knowhow und Ausrüstung versorgt. Wie gewinnbringend der Handel war, erfuhren die Ermittler spätestens im Oktober 2003. An Bord des deutschen Schiffes "BBC China" ließen US-Agenten im italienischen Fährhafen Taranto fünf Container mit Tausenden hochwertigen Spezialteilen zum Bau von Gasultrazentrifugen beschlagnahmen, die zur Urananreicherung dienen - dem Stoff zum Bau der Atombombe. Das geplante Ziel der Fracht war Libyen gewesen.
Seit der Hafenrazzia haben die Fahnder der IAEA, des US-Geheimdienstes CIA und nationaler Polizeibehörden ein fein verzweigtes, weltumspannendes Geflecht von Atompiraten enttarnt. Nachdem der Frachter aufgebracht worden war, gaben die Libyer ihr Streben nach der Atombombe offiziell zu und erklärten später den Verzicht auf die Nuklearpläne. Kurz darauf händigten sie Vertretern der IAEA zwei CD-Roms und eine Festplatte aus, die die besagten Baupläne für zwei verschiedene Typen von Zentrifugen enthielten.
Der pakistanische Wissenschaftler Abdul Qadir Khan, der Pakistan zur Nuklearmacht geführt hat, gestand, libyschen Wissenschaftlern geholfen zu haben. Khan steht in Pakistan unter Hausarrest, weil er Iran und auch Nordkorea beim Aufbau ihrer Atomprogramme geholfen hatte.
Den Informationen des "Guardian" zufolge hatte Khan Libyen auch unvollständige ältere Pläne aus China für den Bau eines Atomsprengkopfes übergeben. Auch von diesen Plänen, befürchten die Ermittler, könnten elektronische Kopien existieren. Außerdem weiß man inzwischen, dass einige für Libyen heimlich hergestellte Zentrifugen-Bauteile ihr Ziel nie erreicht haben.
Die britische Zeitung zitiert einen ungenannten europäischen Diplomaten, der seine Sorge über die verschollenen Pläne und Bauteile ausdrückt: "Das ist eine Sache, die die Leute nachts wach hält."
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