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16.06.2005
 

US-Militär

Mikrofone orten Heckenschützen

Von Steffan Heuer

Polizei und Militär in den USA gehen zum Lauschangriff über: Sie entwickeln Geräuschsensoren, die Pistolenschüsse oder Gewehrfeuer automatisch orten können. Die Technik ist noch nicht ausgereift, hat aber schon zu Fahndungserfolgen geführt.

US-Humvees mit Ohren (in Kuwait): Angreifer in voller Fahrt aufzuspüren
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BBN Technologies

US-Humvees mit Ohren (in Kuwait): Angreifer in voller Fahrt aufzuspüren

Es ist ein ruhiger Nachmittag im Lagezentrum der Polizei von Redwood City, einem der vielen Orte, die im Industriekorridor des Silicon Valley zwischen San Francisco und San Jose aufgereiht sind. Auf dem Bildschirm des Einsatzleiters erscheint plötzlich eine Warnung: "Waffengebrauch entdeckt!", begleitet von einem Sirenenton.

Wenn Ward Hayter auf das Fenster klickt, baut sich eine Luftaufnahme seiner Heimatstadt auf, unterlegt mit dem Straßennetz, auf dem ein roter Punkt ins Auge sticht: 2950 Fair Oaks Avenue. Hier haben die Sensoren der Firma ShotSpotter ein verdächtiges Geräusch geortet und automatisch an die Notrufzentrale weitergeleitet.

"Sehen wir uns das Ganze einmal genauer an", sagt Verwaltungschef Hayter, der seit 1996 mit dem Schusswaffen-Ortungssystem arbeitet. Rechts neben dem Stadtplan kann er den Frequenzverlauf des Schusses vergrößern und die dazugehörigen Tondateien anklicken. Von Sensor Nummer 1, knapp 300 Meter entfernt, klingt es in der Tat wie das trockene "Plopp" einer Pistole, gefolgt von Hundegebell. Sensor Nummer 2, der doppelt so weit entfernt ist, hat dagegen kein Hundegebell nach dem Knall aufgefangen.

"Falscher Alarm. Vermutlich hat jemand einen Kracher gezündet", sagt Hayter, nachdem er sich die WAV-Datei mehrmals angehört hat. "Im Zweifelsfall sind Hunde ein untrügliches Zeichen. Wenn ein Schuss abgegeben wurde, bellen sie kurz danach." Diesmal schickt Hayter keinen Streifenwagen zum Tatort.

Die Geräuschsensoren helfen der Polizei, ihr knappes Personal effizienter einzusetzen, ohne wichtige Vorfälle zu übersehen. Redwood City ist die erste, aber längst nicht mehr die einzige Stadt, die Hardware und Software zur akustischen Überwachung verwendet.

Neun Polizeizentralen von Kalifornien bis South Carolina benutzen ShotSpotter, um in besonders gefährliche Viertel hineinzuhorchen. Das FBI setzte die Sensoren im Winter vor zwei Jahren ein, um den Highway-Heckenschützen zu fassen, der Columbus, Ohio, in Angst und Schrecken versetzte.

In den Zeiten von Terrorangst und unbegrenzten Rüstungsbudgets ist es kein Wunder, dass die gleichnamige Firma aus Mountain View, die das ShotSpotter-System entwickelt hat, jetzt auch tragbare Geräte für das US-Militär fertigen will.

Die Detektoren sollen sich auf dem Rücken von Soldaten oder auf einem Jeep befestigen lassen und im Verbund mit einer unbemannten Drohne feindliche Schützen orten. Das FBI ist dem Vernehmen nach dabei, ein Netz von anfangs 120 ShotSpotter-Sensoren in der Hauptstadt Washington zu installieren. Gepaart mit allgegenwärtigen Überwachungskameras ergibt sich so ein engmaschiges Beobachtungsnetz, das rund um die Uhr im Einsatz ist.

Gespür für Waffengeknatter

Technisch gab und gibt es einige Hürden zu überwinden. Die ersten Sensoren, die Firmengründer Robert Showen entwickelte, waren auf eine Telefonleitung angewiesen, um ihre Daten an die Zentrale zu überspielen - ähnlich einem weit vom Rekorder aufgestellten Mikrofon. Ein Netz von acht Sensoren pro Quadratmeile kann Schüsse aus bis zu dreieinhalb Kilometer Entfernung hören, den Ort mittels Triangulierung bis auf wenige Meter identifizieren und die Behörden alarmieren, sobald ein Software-Algorithmus ausgeschlossen hat, dass eine andere Lärmquelle für das Geräusch verantwortlich ist. So tauchen Streifenwagen in Minutenschnelle an einem Tatort auf.

Die Sensoren der zweiten Generation, die wie eine unscheinbare Wetterstation aussehen, besitzen ein omnidirektionales Mikrofon, das auf Geräusche von 300 Hertz bis drei Kilohertz achtet. Wie eine Überwachungskamera zeichnet es die Geräuschkulisse der Umgebung als Endlosschleife auf und übermittelt die Audiodaten an die Zentrale. Die Software auf dem Server im Revier besorgt die Analyse, um den Knall einer Rakete oder das Knattern von Hubschrauberrotoren vom Geräuschprofil einer halbautomatischen Waffe zu unterscheiden.

"Die Analyse-Software ist das Kernstück des Systems, wir verfeinern den Algorithmus kontinuierlich", sagt Robert Calhoun, ein MIT-Absolvent, der für Software-Entwicklung zuständig ist. Je mehr Daten von echten und falschen Alarmen in das System einfließen, desto besser kann das Programm geeicht werden, um eine Rakete, ein großkalibriges Gewehr und eine Pistole auseinander zu halten.

Wenn die Audio-Rohdaten in den Server eingespeist werden, klassifiziert die Software die Signale und speichert sie in einer Ereignis-Datenbank, die sich mit dem geografischen Informationssystem (GIS) einer Behörde oder des Militärs unterlegen lässt. "So wissen wir nicht nur, wo genau ein Schuss fiel oder eine Rakete gezündet wurde", erklärt Redwood Citys Polizeimanager Hayter. "Wir können auch sofort den Namen des Anwohners sehen, können prüfen, ob es schon früher Vorfälle gab, und den Namen mit anderen Datenbanken abgleichen."

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