Von Steffan Heuer
Sergeant Karen Cordray von der Polizei in North Charleston, South Carolina, benutzt das System seit Februar 2003. Finanziert mit Geld der Bundesstaatsanwaltschaft, installierten Cordray und Kollegen auf drei Quadratmeilen 16 Sensoren. Ein Jahr und 629 computergestützte Schussalarme später ist die Verbrechensrate um zwei Prozent gesunken.
In 110 Fällen gab es Festnahmen wegen Waffenbesitzes, und in weiteren 80 Fällen konnte die Polizei Patronenhülsen sicherstellen oder Ermittlungen einleiten. "Wir sind nicht einmal mehr auf den Notruf angewiesen, über den im gleichen Zeitraum nur 160 Fälle von Waffengebrauch gemeldet wurden", sagt Cordray.
"Das System funktioniert bisher sehr gut. Nur starker Wind und Echo-Effekte an bestimmten Gebäudearten können störend wirken", bestätigt Bart Coghill, Ingenieur beim National Law Enforcement and Corrections Technology Center Southeast.
Die Organisation mit Sitz in South Carolina testet neue Technologien für die Polizei und andere Ermittlungsbehörden. Das Center gab ShotSpotter gegenüber einem Konkurrenzprodukt namens Secures der Firma Planning Systems Inc. den Vorzug, da es laut Coghill mit einem Bruchteil der Sensoren auskommt und sich so leichter installieren und warten lässt.
Unlängst erhielt das Testzentrum vom US-Kongress 750 000 Dollar, um ShotSpotter weiterentwickeln zu lassen. Die wichtigsten Neuerungen, sagt der Ingenieur, seien ein drahtloses und ein mobiles System, das sich am Körper tragen lässt. "Damit ist man nicht auf Telefonleitungen angewiesen und kann Informationen direkt an die Beamten im Einsatz überspielen."
Im Fall des Heckenschützen von Ohio etwa musste das FBI innerhalb weniger Wochen Standorte finden, um mehr als 180 Quadratkilometer wirksam abzudecken. Am Ende verlegten sich die Ermittler auf Telefon-, Licht- und Strommasten, die den Mikrofonen die lückenlose Überwachung von Feldern, Schulgebäuden und dem weiten Netz von Autobahnen erlaubten, auf das sich der Schütze konzentriert zu haben schien. Bis die rund 65 Sensoren installiert waren, verging kostbare Zeit. "Ein drahtloses System kann dagegen in ein paar Stunden einsatzbereit sein", sagt CEO Beldock.
Optimierter Energieverbrauch
Während sich ein zeitweilig fest installierter Sensor mit größeren Batterien oder Solarzellen betreiben lässt - etwa um Straßenzüge in der Innenstadt zu überwachen, wenn ein Gipfeltreffen abgehalten wird -, bedürfen wirklich tragbare Systeme, wie sie das Militär will, kleinerer Batterien, die mindestens einen Tag lang halten.
ShotSpotter hat sich deswegen mit Xybernaut zusammengetan, einem bekannten Hersteller tragbarer Netzcomputer. Das Unternehmen gründete eine eigene Abteilung Heimatschutz, um die Produkte besser vermarkten zu können. "Am Ende soll der Sensor nicht größer sein als ein Paket Spielkarten", sagt Beldock. Die ersten Prototypen wurden Ende Dezember 2004 bei einer Truppenübung mit 2000 Marines getestet.
Eine andere Variante, an der das Militär großes Interesse hat, sind Drohnen, die über einem Gefechtsfeld schweben und sogar dreidimensional Mörserpositionen oder Heckenschützen in verschiedenen Stockwerken eines Gebäudes orten könnten.
Beim Feldversuch mit den Marines wurden die tragbaren Sensoren im Verbund mit zwei Sorten Drohnen getestet: mit Boeings ScanEagle sowie mit dem Predator-Flugkörper. Sobald ein Schuss geortet wurde, übermittelten die Sensoren die Koordinaten an die Leitzentrale, sodass die Drohnen ihre Kameras entsprechend schwenken konnten. "Erste Daten zeigen, dass die Sensoren mit vernünftiger Zielgenauigkeit arbeiten", sagt Frank Roberts, der beim Pentagon für Drohnenaufklärung verantwortlich ist. Zu Informationen, dass ShotSpotters akustische Ortung bereits im Irak und in Afghanistan getestet wird, will sich das Unternehmen nicht äußern. Vorstellbar ist es, denn im Luftraum über beiden Ländern drängen sich bereits knapp 800 Drohnen aller Größen, und das Pentagon will bis 2010 mehr als 13 Milliarden Dollar für weitere Geräte ausgeben.
Autos mit Ohren
Mit seinem Angebot an die US-Regierung und das Militär steht ShotSpotter nicht allein da. Ein Konkurrenzprodukt von BBN Technologies in Massachusetts namens Boomerang wurde im März 2004 bereits auf Humvee-Geländewagen im Irak installiert, um Heckenschützen selbst in voller Fahrt aufzuspüren.
Das nötige Geld, um das System in nur zwei Monaten zu entwickeln und in 40facher Ausführung in den Irak zu schaffen, stammte von der Defense Advanced Research Projects Agency (Darpa). der Hightech-Agentur des Pentagon.
Allerdings ist Boomerang relativ groß und schwer. Die sieben Mikrofone erinnern an einen futuristischen Kleiderständer, der fest am Fahrzeugheck montiert wird. Mit der Bordelektronik wiegt das System rund 25 Kilogramm. Nach ersten positiven Erfahrungen denkt BBN nun darüber nach, das System zum Schutz von Hubschraubern weiterzuentwickeln.
Nur gegen eines sind Systeme wie Boomerang oder ShotSpotter machtlos: Wer mit einem Schalldämpfer arbeitet, wie man es bei professionellen Kriminellen oder Terroristen erwarten kann, überlistet die Mikrofone und die Software.
© Technology Review, Heise Zeitschriften Verlag, Hannover
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