Von Julia Eikmann
Es erinnert eher an handlesende alte Vetteln als an ernstzunehmende Wissenschaft: "Zeig mir Deine Finger, und ich sage Dir, wer Du bist!" Trotzdem behaupten Forscher, aus dem Längenverhältnis von Ring- und Zeigefinger Schlüsse auf die Veranlagung eines Menschen ziehen zu können. Auf die Zeugungsfähigkeit von Männern beispielsweise oder das Wurftalent von Frauen. Nur: Was haben die Finger eines Mannes mit der Anzahl seiner Spermien zu tun? Warum sollte ein Mädchen mit einen kurzem Zeige- und einem längeren Ringfinger einen Ball weiter werfen können als ihre Freundinnen, bei denen das Finger-Verhältnis umgekehrt ist?
Wie die Hände eines Menschen wachsen, entscheidet sich bereits sehr früh in der embryonalen Entwicklung. Die Länge der Finger wird im ersten Drittel der Schwangerschaft angelegt, in der gleichen Zeitspanne wie das Herz und das Gehirn. Dies geschieht unter Einwirkung zahlreicher Hormone, denen der Embryo im Uterus ausgesetzt ist. Dazu gehört auch das männliche Geschlechtshormon Testosteron.
John Manning, Professor an der University of Central Lancashire im englischen Preston, glaubt, dass ein Mensch in einem stärkeren Maße "männliche" Eigenschaften ausbildet, je höher die Testosteron-Konzentration war, in der er als Embryo gebadet hat. Eine dieser typisch männlichen Eigenschaften ist ein relativ zum Zeigefinger längerer Ringfinger. Wie viel Testosteron der Embryo in der Schwangerschaft abbekommen hat, lässt sich laut Manning an dem Verhältnis zwischen Ring- und Zeigefinger ablesen: Je größer die Differenz ist, desto höher war die Testosteron-Konzentration.
Fenster in die Vergangenheit
Schon vor einiger Zeit wies der Psychologe mit dieser Methode nach, dass Männer besonders zeugungsfähig sind, deren Zeigefinger in Relation zum Ringfinger extrem kurz sind. Bei Frauen verhält es sich genau andersherum: Sie sind fruchtbarer, wenn ihr Ringfinger gleichlang oder kürzer ist als der Zeigefinger. Anfangs wurde der Vater der modernen Fingerlängenforschung für seine Theorie nur belächelt. Heute arbeiten Forscher weltweit mit diesem "Fenster in die Vergangenheit", wie es Johannes Hönekopp, Psychologe an der Universität Chemnitz, nennt.
Die Vorteile der Methode liegen buchstäblich auf der Hand: "Da die Fingerlänge über die gesamte Lebensspanne konstant zu bleiben scheint, kann man sehr einfach weit in die Vergangenheit schauen. Ansonsten müsste man für ähnliche Ergebnisse etliche Jahre warten, nachdem man eine Fruchtwasseruntersuchung durchgeführt hat", sagt Hönekopp. So erreiche man mit einer relativ einfachen Messmethodik relativ sichere Ergebnisse und umgehe die Risiken, die mit einer vorgeburtlichen Untersuchung verbunden wären. Bewiesen sind die Zusammenhänge zwischen Fingerlänge und Persönlichkeitsmerkmalen zwar bis heute nicht - aber mehr und mehr Studien bestätigen sie.
Auch Petra Kempel von der Universität Giessen ließ sich erst durch eine eigene Studie von der unkonventionellen Methode überzeugen. "Zunächst habe ich gedacht 'Was für ein Schwachsinn!' Ich hätte nie geglaubt, dass wir diese Ergebnisse herausbekommen." Kempels Versuchspersonen mussten Aufgaben zum räumlichen Vorstellungsvermögen lösen, beispielsweise einen Würfel mental rotieren lassen. Außerdem wurden ihre Finger vermessen. Die Ergebnisse der Studie unterstützen, was althergebrachte Rollenklischees schon lange behaupten: Im Durchschnitt hatten die Frauen eine schlechtere Raumorientierung als ihre männlichen Kollegen. Innerhalb der Gruppe der Frauen waren diejenigen erfolgreicher, die ein eher "maskulines" Fingerverhältnis hatten. Je kürzer der Zeigefinger in Relation zum Ringfinger war, desto besser die räumliche Vorstellungskraft.
"Selbstverständlich handelt es sich dabei immer nur um Mittelwerte. Man kann nie sagen, dass das eine Geschlecht dem anderen grundsätzlich überlegen ist. Der absolute Highscorer kann auch bei der mentalen Rotation, einer typisch männlichen Domäne, eine Frau sein", sagt Kempel.
Arbeiten mit Geschlechterklischees
Trotzdem belegen diverse Studien, dass sich in den Fingern so manches geschlechtsspezifische Klischee manifestiert: Männer sollen Frauen - bedingt neben körperlichen Attributen auch durch ein besseres Raumgefühl - auf dem Fußballplatz überlegen sein, Frauen hätten dagegen stärker ausgeprägte kommunikative Fähigkeiten. Vorurteile scheinen die Forschung zu beflügeln. Johannes Hönekopp gibt zu, dass die klischeeartigen Unterschiede zwischen Männlein und Weiblein eine attraktive Suchrichtung für wissenschaftliche Studien seien. Es liege oftmals nahe, dass die systematischen Abweichungen zwischen den Geschlechtern von der frühen Prägung des Gehirns herrührten, so Hönekopp. "Spannend ist es dann, diese Unterschiede auch innergeschlechtlich anzuwenden."
Natürlich ist das individuelle Verhalten nicht komplett auf das vorgeburtliche Hormonbad zurückzuführen. Etwa fünf Prozent der Variation menschlicher Eigenschaften lassen sich nach Ansicht der Forscher damit erklären. Das sei weit mehr, als es zunächst klingt, sagt Johannes Hönekopp. "Jedes Verhalten wird von unglaublich vielen Faktoren beeinflusst, von denen für sich genommen keiner viel bewirken könnte", so der Psychologe. Für gewöhnlich würde der Einfluss einer bestimmten Ursache auf das menschliche Handeln auch mit der Zeit verblassen. Das Testosteronbad im Uterus dagegen wirke über Jahrzehnte stabil auf das Handeln der Menschen ein. "Das ist bemerkenswert", findet der Forscher.
"Das Prinzip 'Zeig mir Deine Finger, und ich sage Dir, wer Du bist' funktioniert allerdings nicht besonders gut. Dafür ist der Effekt ein bisschen klein", räumt Hönekopp ein. Dann schmunzelt er: "Aber ein Stück weit kann man tatsächlich seine Schlüsse daraus ziehen."
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