Von Holger Dambeck
"Die Natur hat clevere Strategien gegen Seepocken entwickelt", sagt Ralph Liedert, Bionik-Experte an der Hochschule Bremen. Die kleinen, mit Shrimps verwandten Krebstiere mögen ein festes Zuhause. Mit Vorliebe besiedeln sie Wale oder Schiffsrümpfe, die sie permanent zu neuen, nährstoffreichen Revieren chauffieren.
Die Schicht aus Seepocken zerstört jedoch nicht nur den Anstrich und gefährdet den Rumpf, sie macht das Schiff auch langsamer, weil die Reibung im Wasser steigt. "Der Widerstand erhöht sich um bis zu 15 Prozent", erklärt Liedert im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Man brauche exponentiell mehr Treibstoff, "das ist ein Riesenproblem". Anfang 2003 seien die bisher üblichen und wirksamen Schutzanstriche auf Basis von TBT (Tributylzinn) verboten worden, weil der Giftstoff auch ins Meerwasser gelangt. Brauchbare Alternativen zu TBT gebe es bisher nicht, erklärt der Bioniker.
Vielleicht können Liedert und seine Bremer Kollegen jedoch bald eine Art Bio-Antifouling anbieten - auf Basis von künstlicher Haifischhaut. Experimente mit verschieden weichen und unterschiedlich fein strukturierten Platten hatten nämlich gezeigt, dass der Bewuchs um bis zu 67 Prozent zurückgeht. Derzeit testen die Wissenschaftler ihre künstliche Haihaut aus speziellem Silikon bereits an Schiffsrümpfen.
Haihaut bleibt sauber
Die Haut von Haien ist mit vielen kleinen Zähnen besetzt. Sie verhindern unter anderem, dass sich Querwirbel bilden und senken so den Widerstand beim Gleiten durchs Wasser. Profischwimmer tragen mittlerweile Ganzkörperanzüge aus künstlicher Haihaut, um noch ein paar Hundertstel Sekunden schneller ins Ziel zu kommen. Die kleinen Zähnchen machen es aber auch Seepocken und anderem Meeresgetier schwer, auf der Haut Halt zu finden. Auf Haien werde so gut wie nie ein Bewuchs beobachtet, auf Walen hingegen schon, sagt Liedert.
Größere Fische nutzen ansonsten auch teilweise mit Giften durchsetzten Schleim, um sich vor Besiedlung zu schützen. Oder sie häuteten sich öfter. "Unser Ziel war genau die Nische zu finden, wo Seepocken nicht wachsen", erklärte Liedert.
Die am Donnerstag auf einer Tagung in Barcelona präsentierten Zwischenergebnisse klingen vielversprechend. Die Schiffsbranche benötigt dringend Ersatz für die verbotenen Anti-Fouling-Farben. Früher verwendete Kupferanstriche kämen kaum in Frage, weil sie nur drei Jahre wirkten, meint der Bionik-Experte. Die Schiffe würden jedoch nur alle fünf Jahre ins Trockendock geholt, um sie komplett zu untersuchen und um Anstriche zu erneuern.
Falls die Experimente mit der künstlichen Haifischhaut am Schiffsrumpf ähnlich gut verlaufen wie an Platten, die im Hafen von Dithmarschen versenkt wurden, könnten die Bremer Forscher gut an ihrer Entwicklung verdienen. Patentieren lassen will Liedert die Silikonhaut jedoch wahrscheinlich nicht. "Das Prinzip stammt ja aus der Natur."
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wissenschaft | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Mensch | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2005
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH