Das Szenario der Forscher ist düster: In einer ländlichen Region Südostasiens bekommen die Hühner der Bauern plötzlich Fieber und Durchfall. Sie legen keine Eier mehr und sterben nach kurzer Zeit. Doch das H5N1-Virus, das sich in ihnen millionenfach vermehrt, lebt weiter: Blitzschnell breitet sich die Vogelgrippe aus, bald sind alle Dörfer der thailändischen Region befallen.
Und nicht nur die Hühner. Über den engen Kontakt bei Schlachtungen und Aufräumarbeiten infizieren sich auch Menschen mit dem aggressiven Virus. Es vermischt sich mit anderen Grippeviren und kann so auch direkt von Mensch zu Mensch übertragen werden. Die Geburt einer Pandemie, einer weltweiten Seuche, weder zeitlich noch örtlich beschränkt.
Noch ist dieses Szenario eine Computersimulation. Ein Forscherteam von Elizabeth Halloran von der Emory University und Donald Burke von der Johns Hopkins Bloomberg School of Public Health hatte den Rechner mit verschiedensten Daten gefüttert, etwa die Bevölkerungsstruktur in Thailand, die durchschnittlich Haushaltsgröße oder die Altersverteilung. Im Computer startete die Vogelgrippe mit einem Infizierten. Rasend schnell steckten sich weitere Menschen an, eine Kettenreaktion in Schulen, Behörden, auf Plätzen und Märkten setzte ein.
Um diese Katastrophe zu verhindern, erdachten die Forscher radikale Pläne, die sie nun im Fachblatt "Nature" präsentierten. In der Computersimulation hatten sie unterschiedliche Mittel erprobt. Ihr Ergebnis: Notfallmaßnahmen müssten schon greifen, solange weniger als 40 Menschen erkrankt sind. Alle Kranken und möglicherweise Infizierten müssten so schnell wie möglich isoliert, Quarantäne-Stationen in den Krankenhäusern eingerichtet werden.
Waffen gegen die Pandemie
Die thailändischen Behörden müssten strenge Reisebeschränkungen in dem betroffenen Gebiet verhängen und große Mengen an Medikamenten verteilen. Am wirkungsvollsten seien antivirale Mittel, schreiben die Forscher, doch auch eine Impfung mit einem unspezifischen Grippeimpfstoff erhöhe die Chancen, die Ausbreitung zu stoppen.
Wichtig sei dabei die ausreichende Menge der Medikamente. Bisher hält die Weltgesundheitsorganisation (WHO) etwa 120.000 Dosen bereit. Das würde zwar ausreichen, wenn die Vogelgrippe schnell unter Kontrolle gebracht wird. Verzögert sich jedoch die Auslieferung oder greift die Quarantäne nicht, würden nach den Berechnungen der Wissenschaftler bald mehrere Millionen Medikamenten-Dosen gebraucht.
Bei allen Maßnahmen ist vor allem die Schnelligkeit entscheidend. Der Notfallplan der Forscher müsste in nur zwei Tagen umgesetzt werden - eine große Herausforderung in einem Land, in dem die Telekommunikation und Transportwege oft rudimentär sind. "Die Eindämmung der Krankheit ist natürlich schwierig", gibt Neil Ferguson vom Imperial College in London zu. "Doch wir können uns nicht die einfacheren Lösungen herauspicken." Falls das Virus die Großstädte von Industrienationen mit ihren mobilen Bewohnern erreiche, stünden die Chancen schlecht, die Pandemie noch zu verhindern, erklärte Ferguson.
Zugvögel als Virenexpress
Derzeit ist die Vogelgrippe in Asien, Russland und Kasachstan verbreitet. Menschen sind bisher allerdings nur in Asien erkrankt. Seit Ende 2003 sind dort mehr als 50 Menschen an der Vogelgrippe gestorben. Wahrscheinlich war das Virus mit Zugvögeln von Asien nach Russland gelangt.
Russische Behörden gaben am Mittwoch bekannt, die Vogelgrippe könne sich über Zugvögel bald auch im bevölkerungsreichen europäischen Teil Russlands ausbreiten. Zugvögel, die im Herbst vom Norden Sibiriens an die Küsten des schwarzen Meeres fliegen, könnten das Virus in sich tragen.
In Deutschland wird bisher nicht damit gerechnet, dass die Vogelgrippe auf diesem Weg nach Europa gelangt. Am Friedrich-Löffler-Institut, dem Bundesforschungsinstitut für Tiergesundheit, werden derzeit die Routen der Zugvögel analysiert. "Normalerweise orientieren sich die Zugvögel Asiens eher in Richtung Indien", erklärt Martin Beer, stellvertretender Leiter des Instituts. Man arbeite im Moment an einer Übersichtskarte, die das Risiko abschätzbar mache.
Die WHO hat sich derweil den Vorschlägen der US-Forscher angeschlossen. Nur eine frühzeitige Quarantäne möglicher Infizierter und vorsorgliche Massenimpfungen mit dem herkömmlichen Grippe-Impfstoff könnten eine Pandemie verhindern, hieß es aus Genf. Die Uno-Organisation nannte das Computermodell der Wissenschaftler als "hilfreich", um die Notfallplanung in den Mitgliedsländern zu koordinieren und zu planen.
In einer Erklärung betonte die Organisation, dass die mögliche Umsetzung der Vorschläge zwar eine große Herausforderung sei. "Aber das enorme soziale Trauma und menschliche Leid, das eine Grippe-Pandemie bewirken könnte, verpflichten dazu, alle Vorschläge zur Begrenzung des Schadens gründlich zu erwägen."
Jens Radü
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