Jetzt zittert auch Florenz vor ihm. In Cesares Gebiet sollen kostbare Tuche aus der Stadt beschlagnahmt worden sein. Und so bitten die Stadtväter um Herausgabe der Ware und Schutzbriefe für ihre Textilindustrie - "da diese Sache von großer Wichtigkeit ist und der Magen dieser Stadt genannt werden kann". Mit diesem Auftrag steht Machiavelli im Herzogspalast von Urbino, sieht den gestählten Körper des Condottiere und das von Syphilis zerkerbte Gesicht. Machiavelli schreibt an seine Regierung: "Dieser Herr ist wahrhaft wunderbar und prächtig."
Machiavelli ist schaudernd berückt von der Grausamkeit des Herrschers, der mit seinen Gegnern aufräumt, wie es ihm passt. "Messer Remirro ist heute Morgen in zwei Stücken auf dem Markte gefunden worden", meldet er lakonisch die Ermordung von Cesares Militärgouverneur in der Romagna, weil "es dem Fürsten so gefallen hat, der zeigt, dass er die Männer nach Gutdünken zu erheben und zu vernichten weiß, je nach ihren Verdiensten".
"Cesare Borgia galt für grausam", so wird er im "Fürsten" diesen Blutdurst adeln, "und doch hat diese seine Grausamkeit der Romagna Ordnung und Eintracht wiedergegeben und sie zum Frieden und zur Ergebenheit gebracht." Denn ohne den Ruf der Grausamkeit "hat noch nie jemand ein Heer einig und schlagkräftig erhalten".
Den Krieg hält er nicht auf
Doch am 18. August 1503 stirbt Cesares Vater, Papst Alexander VI. Sein Sohn, ebenfalls schwer krank, verliert den Machtkampf gegen Alexanders baldigen Nachfolger Julius II., einen herrischen, jähzornigen Greis von majestätischer Statur. "Wäre er nur beim Tode Alexanders gesund gewesen", schreibt Machiavelli jetzt in Sant'Andrea, "so hätte er alles erreichen können."
Während sich Florenz in den folgenden Jahren auf seinen Konflikt mit Pisa konzentriert, rückt der für die Republik verhängnisvolle Krieg zwischen dem Lager des Papstes und Frankreich, der Schutzmacht von Florenz, immer näher. Ab 1510 wird Machiavelli deshalb wieder diplomatisch in Frankreich und Italien tätig. Vergebens: Den Krieg hält er nicht auf. Im Juni 1512 werden die französischen Truppen aus Italien vertrieben. Schon zwei Monate später erobert die päpstliche Militärkoalition das nun isolierte Florenz und setzt die jüngeren Söhne Lorenzo de' Medicis, Giuliano und Giovanni, zu Herrschern über die Stadt ein.
"Für Euch hat Gott Zeichen und Wunder gesandt"
Auch Machiavelli, der Besiegte, fügt sich in den verordneten Jubel. In seinem Buch malt er den Siegeszug der Medici, der ihn arbeitslos gemacht hat, in biblischen Bildern aus. "Für Euch hat Gott Zeichen und Wunder gesandt", applaudiert er hoffnungsvoll seinem Fürsten. Er ist überzeugt, "dass ich die mit dem Studium der Staatsgeschäfte verbrachten 15 Jahre weder verschlafen noch vertändelt habe". Und pocht auf seine Treue, an der "kein Zweifel erlaubt" ist: "Schließlich zeugt für meine Treue und Redlichkeit meine Armut."
Doch im Februar 1513 verliert ein junger Verschwörer auf der Straße eine Liste mit 20 Namen, auf welcher auch der Machiavellis steht. Umgehend findet sich der Staatsdiener a. D. im Gefängnis wieder, den berüchtigten, lichtlosen stinche. Dort warten die Streckbank auf ihn und die Daumenschrauben. Man beschwert ihm Arme und Beine mit Steinen, zerrt ihn am Wippseil zur Decke, um ihn jäh wieder fallen zu lassen, bis die Glieder zu reißen drohen. Sechsmal hält er der Qual stand. Einen Monat lang schmort er dann im Kerker, zwischen Läusen "so groß und dick, dass sie wie Schmetterlinge scheinen", in einem Gestank, schlimmer als "in Sardiniens Wäldern".
Dann gibt ihm die Generalamnestie anlässlich der Wahl von Giovanni de' Medici zum Papst Leo X. seine nutzlose Freiheit zurück. Jetzt wünscht er sich verzweifelt, "die Medici mögen sich bald entschließen, mich zu verwenden, und sei es zunächst nur zum Wälzen eines Steins". Für eine Beschäftigung würde er nicht zögern, seine Familie zu verlassen: "Ich falle ihr ohnehin zur Last mit meiner Gewohnheit, Geld auszugeben." Vorerst panzert er sich gegen die Welt mit seinem einverständigen Pessimismus.
Hier und da ergibt sich eine Gelegenheitsarbeit, reist er als Geldeintreiber für florentinische Kaufleute nach Lucca und Genua, feilscht um Entschädigungszahlungen für verprügelte Landsleute in Venedig, gewinnt wohl auch einmal ein paar tausend Dukaten im Lotto, ein kleines Vermögen. Er verkuppelt Ehen, dilettiert mit Sonetten und Karnevalsliedern, hat großen Erfolg als Lustspielschreiber, liest in den "Lackmusgärten" der Familie Rucellai Schöngeistern aus seinen Werken vor.
"Das Hoffen mehrt die Qual"
"Ich hoffe, und das Hoffen mehrt die Qual", klagt er. Und: "Ich bin schon daran gewöhnt, nichts mehr mit Herzen zu wünschen." Den Fortschrittsglauben der Humanisten kann er nicht mehr teilen: Die Geschichte, ahnt er, tritt auf der Stelle. "Dies ist der Kreislauf, in dem sich alle Staatsgebilde der Welt gedreht haben, drehen und immerdar drehen werden."
Acht Jahre dauert es, vier weitere Kinder werden ihm geboren, bis ihm die Huld der Medici noch einmal zu winken scheint: 1520 erhält Machiavelli den Auftrag, eine Geschichte von Florenz zu schreiben. Er nutzt die Gelegenheit zum Kratzfuß vor den Medici: "Nie gab es in Florenz oder selbst in Italien jemanden", schreibt er etwa über Lorenzo den Prächtigen, "der so für seine Weisheit gerühmt und dessen Verlust so allgemein bedauert wurde." Und wahrhaftig: Ein Jahr später wird er offiziell politisch rehabilitiert. 1526 beauftragt ihn die Stadt mit der Verstärkung der Befestigungsmauern: Es heißt, seine Freundin, eine gefeierte Sängerin, habe sich für ihn eingesetzt.
"Treue Knechte bleiben immer Knechte"
Doch der "Weg der Hölle" ist noch nicht am Ende. Ein Jahr später vertreibt ein Aufstand die Medici von neuem aus Florenz. Und mit einem Mal scheint das Jahr 1494 zurückgekommen zu sein: Die alten Verfassungsorgane der Republik werden wieder eingesetzt; im Palazzo della Signoria rezitieren Vorleser die Predigten Savonarolas, und "durch Beschluss von Rat und Volk der Stadt" wird Jesus Christus zum signore von Florenz erklärt. Machiavelli verliert zum zweiten Mal Amt und Würden. Als er sich um seinen alten Posten bei der neuen Regierung bewirbt, stimmen nur zwölf der knapp 600 Wahlmänner für ihn. Der Vollblutbeamte, der den Medici einst zu republikanisch war, gilt jetzt den Republikanern als Marionette der Medici.
Niccolò Machiavelli ist ein gebrochener Mann. Wenige Tage später fällt er ins Fieber. Am 22. Juni 1527 stirbt er, erst 58 Jahre alt; vielleicht an einer Bauchfellentzündung, vielleicht an einem Magengeschwür. Oder an seiner Loyalität zum jeweils herrschenden Regime.
Treue, hat er ja seinem "Fürsten" gepredigt, ist eine Tugend, die nur für eine Welt voller guter Menschen taugen würde: "Da sie aber schlecht sind und dir die Treue nicht halten würden, brauchst du sie ihnen auch nicht zu halten." Klug sei es, "sich zu drehen und zu wenden nach dem Winde". Denn: "Treue Knechte bleiben immer Knechte, und ehrliche Leute bleiben immer arm."
Von Jörg-Uwe Albig, Geo Epoche
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