Washington - Unter den US-Neurologen ist ein heftiger Streit über einen geplanten Gastvortrag des Dalai Lama entbrannt. Es könne nicht angehen, dass ein Nicht-Wissenschftler vor einer Gruppe von Wissenschaftlern über Forschungsergebnisse referiere, sagte die US-Neurobiologin Nancy Hayes.
Der Dalai Lama soll beim Jahreskongress der amerikanischen Society for Neuroscience im November unter dem Titel "Meditationsneurologie" über positive Auswirkungen des Meditierens sprechen. Hintergrund sind Studien von US-Forschern, nach denen intensives Meditieren, wie es etwa buddhistische Mönche praktizieren, positive Emotionen auslösen können.
Wenn der Dalai Lama auf dem Kongress spreche, komme dies einem Qualitätssiegel für seine Thesen gleich, argumentierte Hayes. Der Verband müsse zunächst überprüfen, ob die Ansichten des Dalai Lama eine "solide wissenschaftliche Basis" hätten.
Die Gegner des Gastvortrags haben eine Online-Petition eingerichtet, um Stimmen für ihre Sache zu sammeln. Am frühen Donnerstagnachmittag waren dort bereits über 900 digitale Unterschriften verzeichnet. "Es ist für Neurowissenschaftler ironisch, einem religiösen Führer, dessen Legitimation auf Reinkarnation beruht, ein Forum und damit implizit Unterstützung zu gewähren", heißt es in der Petition. Die Reinkarnation sei eine "Doktrin, die dem Fundament der Neurowissenschaft entgegensteht". Der Dalai Lama betone explizit die Trennung von Körper und Geist, da dies für seine Legitimation als religiöser und politischer Führer von zentraler Bedeutung sei.
Dass die Reaktion auf den geplanten Gastvortrag derart heftig ausfällt, dürfte auch an der derzeit in den USA tobenden Debatte um "Intelligent Design" und die Rolle Gottes bei der Entstehung der Arten liegen. US-Wissenschaftler sehen eine wachsende Gefahr in der Strategie der Kreationisten, ihre Form der Schöpfungslehre als alternatives wissenschaftliches Modell zu Darwins Evolutionstheorie zu etablieren.
Befürworter des geplanten Dalai-Lama-Vortrags sammelten indes ihrerseits Unterschriften. "Eine freie Diskussion über die Meditationsphysiologie könnte zu neuen Forschungsstrategien über den menschlichen Geist führen", sagte die Neurologin Henriette van Praag vom Salk-Institut in Kalifornien.
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