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13.11.2005
 

Umstrittener Eingriff

Erste Gesichtsverpflanzung steht bevor

Von Peter Kaiser

In den USA wird demnächst das erste Gesicht transplantiert, wenn alles so verläuft, wie die Chirurgen einer Spezialklinik sich das vorstellen. Das Verfahren verspricht entstellten Menschen Erleichterung - wirft aber auch ethische und medizinische Fragen auf.

Bodo Hoffmeisters Handbewegung ist ruhig und schnell. Unmittelbar vor dem rechten Ohr, sagt der große und hagere Gesichtschirurg vom Berliner Benjamin-Franklin-Klinikum, würde der Schnitt beginnen. Dann unter dem Kinn hindurch, hoch zum linken Ohr und dem Haaransatz. Wenig später wäre das Skalpell am Ausgangspunkt, dem rechten Ohr, wieder angekommen. Das in etwa wäre der Schnitt, um ein gesamtes Gesicht, plus Nase, Mund, Lippen, Augenbrauen und Augenlidern, vom Kopf eines Toten zu lösen und danach auf einen Empfängerkopf zu transplantieren.

Plastische Chirurgie: "Massiver Eingriff für Spender und Empfänger"
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DPA

Plastische Chirurgie: "Massiver Eingriff für Spender und Empfänger"

Was sich wie die Idee eines verrückten Wissenschaftlers aus einem Hollywood-Thriller à la "Face/Off - Im Körper des Feindes" anhört, wird bald Realität sein. Die Verpflanzung eines gesamten Gesichts steht der Welt unmittelbar bevor.

Maria Siemionow von der Cleveland Clinic in Ohio ist die erste Medizinerin, die von der zuständigen Ethikkommission die Erlaubnis für einen solchen Eingriff bekommen hat. Damit hat sie mindestens zwei andere Teams aus dem Rennen geworfen: das um John Barker von der University of Louisville in Kentucky und das um Peter Butler vom Royal Free Hospital in London. Beide Gruppen haben bei ihren Aufsichtsbehörden ebenfalls die Erlaubnis beantragt, ein Gesicht zu transplantieren.

Für deutsche Mediziner ist eine Gesichtstransplantation derzeit kein Thema. So hält Tim Bredehorn von der Deutschen Stiftung für Organspende (DSO), im gegenwärtigen Stadium nichts davon. "Eine Gesichtstransplantation," erklärt der Mediziner, "bedeutet einen massiven Eingriff nicht nur in den Körper des Empfängers, sondern auch des Verstorbenen. Die ethischen, psychologischen und medizinischen Probleme, die auftreten können, können wir im Moment nicht übersehen." Und dann sorgt sich Tim Bredehorn um die Organspende generell bei dieser Sache. Denn die Gefahr ist für ihn, dass eine ethische Diskussion losgetreten werden könnte über das Wiedererkennen des Spenders - denn das muss nach dem deutschen Transplantationsgesetz ausgeschlossen werden.

Siemionow, die in Polen und Finnland studiert hat, wehrt sich energisch gegen den Vorwurf, demnächst eine "Frankenstein-Operation" vornehmen zu wollen. "Es geht nicht darum, das Gesicht von jemandem zu nehmen und es einem anderen aufzusetzen", betont die Gesichtschirurgin. "Wir reden über eine Hauttransplantation, um schwer verbrannten Patienten zu helfen." In Frage kämen nur Menschen, die "30, 40 oder noch mehr Gesichts-Korrektureingriffe" hinter sich hätten. "Wir wollen den Patienten helfen, endlich der Welt wieder das Gesicht zu zeigen."

Alltag ist für Entstellte ein Spießrutenlauf

Viele Menschen werden von ihrer Umwelt kaum noch wahrgenommen, weil sie ihre Wohnung nicht mehr verlassen. Brandopfer sind das zumeist, aber auch Männer und Frauen, denen etwa ein Hundebiss oder eine Schussverletzung das Gesicht entstellt hat oder die infolge von Tumoroperationen mit einem aus Hautteilen von anderen Körperregionen zusammengeflickten und völlig durchnarbten Gesicht leben müssen.

Die täglichen Supermarktgänge, Behördenwege oder Spaziergänge mit einem solchen Patchworkgesicht sind ein Martyrium. Kinder laufen auf der Straße weinend davon, Erwachsene sehen erschrocken weg. Es verwundert kaum, dass viele dieser Patienten stark suizidgefährdet sind. Doch bis sie ein neues Gesicht bekommen können, vergeht noch etwas Zeit. Außerdem ist jenseits der drängenden ethischen Probleme auch eine Fülle von medizintechnischen Fragen zu klären.

Wie viel vom Spendergesicht an Nerven, Muskeln und Gefäßen muss mit abgelöst werden, damit der Empfänger zu einer normalen Mimik fähig ist? Eine 24- bis 36-stündige, extrem arbeitsintensive Operation wäre nach Ansicht von Gesichtschirurg Hoffmeister kaum sinnvoll, wenn der Patient danach nur mit einer Art "gut durchbluteten Maske" herumlaufe.

Empfänger würden Spender kaum ähneln

Und was ist, wenn der Körper das neue Gesicht wieder abstößt? Wenn die Medikamente, die eine Immunreaktion unterdrücken, nicht wirken? Oder aber ihre lebenslange Einnahme nicht vertretbare Nebenwirkungen zur Folge hat?

Technisch gesehen, da sind sich die meisten Gesichtschirurgen einig, ist die Verpflanzung eines gesamten Gesichtes zwar langwierig und aufwendig, im Prinzip aber machbar. Denn sind erst einmal die Oberhaut mit der Unterhaut sowie Muskeln und Gewebe vom Spender abgetrennt, kann sofort mit der mühevollen Feinarbeit begonnen werden, alles neu zu verknüpfen und anzuschließen.

Dabei ist die Blutversorgung des neuen Gesichtes ein geringes Problem. Und für die Mimik sind von den 26 Gesichtsmuskeln nur 11 unbedingt notwendig. Die Gefahr, dass das Gesicht auf dem neuen Kopf wie das des toten Spenders aussieht, ist wegen des anderen Knochenbaus beim Gesichtsempfänger kaum gegeben. Zudem soll jedenfalls bisher nur die Haut mit möglichst wenig alten Spendermuskeln transplantiert werden. Das verringert die Befürchtungen, dass später die Angehörigen des Spenders ihrem toten Verwandten ins Gesicht sehen.

Wie sieht eine Leiche ohne Gesicht aus?

Größer wirken dagegen die ethischen Probleme. Für die Kulturwissenschaftlerin Professor Anna Bergmann, 52, ist die Vorstellung einer Gesichtstransplantation der "reinste Horror" und hat eine "furchtbare Dimension". Die Buchautorin ("Der entseelte Patient") und erklärte Transplantationsgegnerin meint, dass da "Fantasien von Horror-Laboratorien in Gang gesetzt werden, und es nun ganz selbstverständlich ist, dass das alles heruntergespielt wird". Man müsse sich einmal vorstellen, "wie eine Leiche aussieht, die über kein Gesicht mehr verfügt".

Viele Transplantierte feiern zweimal Geburtstag; den eigenen und den Todestag des Spenders. Wie wird das bei einem neuen Gesicht sein? Und wird es wirklich vorkommen, dass etwa ein Deutscher mit dem Gesicht eines Inders weiterlebt, der Vater mit dem des toten Sohnes? Welch groteske Konstellationen sind da möglich?

In der Cleveland Clinic in den USA laufen derweil die ersten Test-Screenings zur Patientenauswahl. Fünf Männer und sieben Frauen, die als Kandidaten in Frage kommen, sollen demnächst befragt werden. Siemionow meint, man müsse sich fragen, wer mit der Gesichtstransplantation ein Problem hat. "Ist es der Patient, der das Transplantat bekommt, oder ist es die Gesellschaft, die sagt: Tu es nicht?"

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