Mittwoch, 10. Februar 2010

Wissenschaft



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22.11.2005
 

Roboterrallye durch die Wüste

"Stanley" siegte mit schlanker Software

Von Steffan Heuer

Stanfords Roboter-VW "Stanley" hat die DARPA Grand Challenge mit Hilfe einer schlanken Software-Lösung gewonnen. Ob US-Militärs von der Technologie der Sieger allerdings etwas wissen wollen, ist keineswegs sicher.

Schwarz-weiß karierte Flagge, Beifall und Pfiffe - eine Szene wie bei der Formel 1. Das Siegerteam umringte Sebastian Thrun und Michael Montemerlo von der Universität Stanford und schüttete eine Plastiktonne voller Eiswasser über ihnen aus, bevor sie die beiden patschnassen Computerwissenschaftler über die Köpfe der jubelnden Zuschauer hoben und beide ihre Arme in die grelle Wüstensonne Nevadas rissen.

Montemerlo, der stille Bilderbuch-Geek, trug noch die neongelbe Weste, die er vor Betreten der Rennstrecke anlegen musste. Nur der Fahrer des Teams fehlte beim Siegestaumel - denn es gab keinen. Thruns und Montemerlos VW Touareg, der eben durchs Ziel gerollt war, hatte das 211,1 Kilometer lange Rennen durch die Mojave-Wüste südlich von Las Vegas autonom zurückgelegt.

Genau sechs Stunden, 53 Minuten und 58 Sekunden Fahrzeit benötigte der Roboter-Geländewagen "Stanley", um die DARPA Grand Challenge zu gewinnen. Der Sieg in dem weltweit beachteten Rennen brachte Thruns Team einen Zwei-Millionen-Dollar-Scheck von der Defense Advanced Research Projects Agency (DARPA), jenem legendären Forschungsableger des US-Verteidigungsministeriums, der der Welt unter anderem das Arpanet, den Vorläufer des heutigen Internets bescherte.

"Das ist für die Leute, die behaupten, Autos könnten nicht allein fahren. Die gleiche Sorte Menschen sagte damals, die Gebrüder Wright würden nicht fliegen", verkündete Thrun in den Ring von Fernsehkameras und Mikrofonen, die das historische Ereignis Anfang Oktober festhielten.

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Das M.I.T.- Magazin für Innovation
Ausgabe November 2005

Der Eintrag in die Annalen der Technikgeschichte gebührt indes nicht nur dem VW des Stanford-Teams, sondern auch den vier anderen Fahrzeugen, die später über die Ziellinie rollten.

Zur ersten Grand Challenge im März 2004 hatte es nämlich kein Roboter über den gesamten Parcours geschafft, sodass die DARPA für das diesjährige Rennen ihr Preisgeld verdoppelt hatte. Das Team der Carnegie Mellon Universität (CMU) in Pittsburgh unter der Leitung von William "Red" Whittaker kam mit seinen Fahrzeugen auf den zweiten und dritten Platz.

Die umgebauten Gelände-Ungetüme der Marke Hummer mit den Spitznamen "Sandstorm" und "H1ghlander" legten die Strecke in 7:04:50 beziehungsweise 7:14:00 Stunden zurück und lagen damit ebenfalls deutlich unter dem vom Pentagon vorgegebenen Zehn-Stunden-Limit.

Roboter für das Militär

Da der Großteil der Strecke nicht einsehbar war, verfolgten rund 5000 Zuschauer und Fans den Fortschritt entlang der Route über Großbildschirme, auf denen die Fahrzeuge als grüne Balken dargestellt wurden und nur selten Bilder von ferngesteuerten Kameras eingeblendet wurden. "Wie bei der Mondlandung", frotzelte ein Zuschauer, "man kann nicht beweisen, dass die Wagen wirklich von allein dort rumfahren."

"Meine Damen und Herren, Jungs und Mädchen, heute wird in eurer Gegenwart Geschichte geschrieben", intonierte ein DARPA-Moderator über die Lautsprecheranlage. Behördenchef Anthony Tether gab sich martialischer: "Die Anstrengungen aller Teams werden eines Tages das Leben von Soldaten auf dem Schlachtfeld retten."

Bis 2015, plant das Pentagon, soll ein Drittel aller Militärvehikel autonom fahren. Die Roboterflotte ist nicht nur ein Traum der Ingenieure, sondern ein Mandat des US-Kongresses. Unbemannte Bodenfahrzeuge sind eine wichtige Komponente eines umfangreichen DARPA-Programms namens "Future Combat Systems" (FCS), für das der Kongress bis 2010 mehr als 29 Milliarden Dollar bereitstellen will.

Was die Armee will, sind autonome Fahrzeuge, die intuitiv handeln - also nicht nur eine Route abfahren, ohne in den Graben zu geraten, sondern die auch dann noch handeln können, wenn sie auf ein Hindernis treffen oder feststecken.

Tüftler, Hacker, Strategen

Die Grand Challenge war der erfolgreiche Versuch des Pentagons, Erfindergeist und Enthusiasmus von Hochschulen, Tüftlern und Unternehmen einzuspannen, um das Navigationsproblem im Eiltempo anzugehen. "Dieses Rennen ist ein Software- Wettbewerb", erklärte Thrun, der das Labor für künstliche Intelligenz in Stanford leitet, bereits vor dem Start.

Dennoch blieb auch genug zu staunen: Die Experten aus Pittsburgh bauten ihre zwei rot lackierten Hummer zu abenteuerlich aussehenden Fahrzeugen um, die mit wehender US-Flagge an selbst geschweißten Aufbauten an den Endzeitfilm "Mad Max" erinnerten. Das Red Team aus Pittsburgh besaß mit geschätzten zwölf Millionen Dollar im Vergleich zu allen anderen Finalisten die wohl am reichlichsten gefüllte Kriegskasse. Große Firmen wie Boeing, Caterpillar und Science Applications International Corporation (SAIC) entsandten Angestellte für mehrere Monate erst nach Pittsburgh und dann in die Wüste bei Carson City im Westen Nevadas.

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