Der österreichische Psychiater Leo Navratil wusste es schon in den fünfziger Jahren: Schizophrene können sehr kreative Menschen sein. In dem von ihm gegründeten "Haus der Künstler" der Landesnervenklinik Maria Gugging malen und zeichnen die Patienten auch heute noch. Ob sie auch viel flirten, ist unbekannt.
Wahnsinn: Schöpferkraft macht sexy
Ausgangspunkt der Studie der beiden Briten war ein Effekt namens Darwinsches Paradoxon: Eine Krankheit wie Schizophrenie sollte eigentlich ein evolutionärer Nachteil sein und im Lauf der Zeit verschwinden - schließlich beeinträchtigt sie das gesamte Leben der Betroffenen, die häufig völlig den Bezug zur Wirklichkeit verlieren, unter Wahnvorstellungen leiden und sich sozial zurückziehen.
Geschlechtsunabhängiger Vorteil für Kreative
Tatsächlich tritt Schizophrenie jedoch weltweit auf und betrifft Schätzungen zufolge etwa ein Prozent der Bevölkerung. Der Evolutionstheorie zufolge muss demnach die Veranlagung für diese Krankheit mit einer anderen Eigenschaft gekoppelt sein, die dem Betroffenen einen deutlichen Vorteil verschafft.
Dieser Vorteil könnte die große Kreativität sein, die häufig bei so genannten schizotypen Persönlichkeiten zu finden ist, vermuten die Forscher. Solche Menschen zeigen einige, jedoch nicht alle Kennzeichen eines schizophrenen Charakters wie etwa ungewöhnliche Denkstrukturen und sehr impulsives, rücksichtsloses Verhalten - Eigenschaften, die Kreativität begünstigen können.
Um ihre These zu prüfen, ließen die Psychologen 425 professionelle Kunstschaffende, Hobby-Künstler und eher unkreative Freiwillige einen Fragebogen ausfüllen. Darin wurden nicht nur die Persönlichkeit des Probanden und das Ausmaß seines kreativen Schaffens, sondern auch sein Erfolg beim anderen Geschlecht analysiert.
Das Ergebnis: Je kreativer ein Teilnehmer ist, desto ausgeprägter sind seine schizotypen Charaktereigenschaften - und desto reger ist sein Liebesleben. So hatten die kreativsten Künstler im Schnitt deutlich mehr Partner als ihre unkreativen Altersgenossen. Das galt sowohl für die befragten Frauen als auch für die Männer, schreiben die Forscher. Kreativität sei demnach ein entscheidender Faktor bei der Partnerwahl und wiegt die Nachteile, die durch die größere Anfälligkeit für Schizophrenie entstehen, mehr als auf, glauben Nettle und Keenoo.
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