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01.12.2005
 

Aids in Südafrika

Wie Katholiken die "Lustseuche" bekämpfen

Von Roman Heflik, Johannesburg

Nirgendwo wütet Aids schlimmer als in Südafrika. Auf eigene Faust haben Vertreter der katholischen Kirche in einer Minenstadt den Kampf gegen die Krankheit aufgenommen, die ihre Kirchenoberen einst als "Lustseuche" abtaten. Jetzt wächst in den Slums wieder Hoffnung.

Auf einmal ist die Windhose da. Der Wirbel aus heißer Luft braust über den Platz zwischen den Kranken-Containern, reißt herumliegende Plastiktüten und Papierfetzen hoch und bläst den Wartenden Sand ins Gesicht. Nur wenige Augenblicke dauert das Spektakel, dann verschwindet der Wirbel zwischen den endlosen Reihen rostiger Blechhütten, die sich hinter der Klinik drängen. Zurück bleiben die stechende Hitze und der Geschmack von Staub im Mund. Willkommen in Freedom Park, dem Ende der Welt.

Freedom Park in Rustenburg - eine Elendssiedlung mitten in der Einöde der südafrikanischen Nordwest-Provinz. Hier holen die Minenunternehmen Platin, das edelste aller Metalle, aus dem Boden. Doch im Slum ist von diesen Schätzen nichts zu sehen. Strom, Telefon und Kanalisation gibt es für die 25.000 Einwohner nicht. Wasser zum Trinken, Kochen und Waschen müssen die Familien einem Händler teuer abkaufen, der gelegentlich mit seinem Tankwagen vorbeikommt. Dass siebenjährige Kinder auf ihre fünf jüngeren Geschwister aufpassen, ist nichts Ungewöhnliches an diesem Ort. Denn die Mutter liegt gerade auf dem Boden ihrer winzigen Hütte in ihrem eigenen Erbrochenen und stirbt an Aids.

"Wir schätzen, dass etwa 50 Prozent der hiesigen Bevölkerung HIV-infiziert sind", sagt Schwester Georgina Boswell von der Diözese Rustenburg. Die kleine Frau mit dem grauen Haar und dem burschikosen Auftreten leitet die Freedom Park Clinic, ein halbes Dutzend ausrangierter Schiffscontainer, die man zu einem Lazarett umgebaut hat. Das Personal: Zwei professionelle Krankenschwestern, zwei Ärzte (davon einer in Teilzeit) und vier Helfer. Sie sind die ganze Hoffnung der Frauen, die draußen in der Sommerhitze auf ihre Medizin warten.

Fast sechseinhalb Millionen Südafrikaner sind laut einer Studie des Gesundheitsministeriums HIV-positiv. Warum die Seuche ausgerechnet am Kap so verheerende Ausmaße annimmt, lässt sich im Freedom Park bestens beobachten. "Die Männer, die in den Minen arbeiten, kommen oft von weit her", berichtet Schwester Georgina. "Sie lassen ihre Familien zurück und haben hier in der Gemeinde ihre Zweit- oder sogar Drittfrau." Geschlechtskrankheiten können sich schnell verbreiten. Dass die Frauen wirtschaftlich von ihren Männern abhängig sind, verschlimmert das Problem noch: "Die Frauen haben Angst. Sobald eine von ihnen ihrem Mann sagen würde, dass sie infiziert ist, würde der seine Sachen packen und sie und die Kinder hier zurücklassen", erklärt Klinikleiterin Boswell.

Entstanden aus Schnapsbuden

So breitet sich die Seuche immer weiter aus, der in Südafrika jeden Tag rund 1000 Menschen zum Opfer fallen. Nach langem Zögern hat inzwischen die Regierung mit der Verteilung der sogenannten "Antiretrovirals" begonnen, Medikamente, die den Verlauf der Immunschwäche-Krankheit verlangsamen können. In Freedom Park ist von dieser Kampagne jedoch nichts zu spüren. Die Behörden betrachten den Slum als "informal settlement", als illegal gegründet. Tatsächlich hatten vor rund 20 Jahren einige Frauen um die Minen herum ohne Genehmigung Schnapsbuden aufgebaut - die Geburtsstunde von Freedom Park. Seitdem vermeiden die zuständigen Stellen in diesem Gebiet alles, was nach regulärer Grundversorgung aussehen könnte.

Angesichts der zunehmenden Not entschloss sich Schwester Georgina Anfang der neunziger Jahre, auf eigene Faust die Krankenversorgung von Freedom Park zu organisieren. Schützenhilfe erhielt die heute 58-Jährige dabei von ihrem Bischof, Kevin Dowling. Wegen seines Engagements gegen die Aids-Epidemie hat das "Time Magazine" den Kirchenmann zu einem der "Helden des Jahres 2005" erklärt. Der pragmatische Dowling hat in seinem Bistum ein umfangreiches Anti-Aidsprogramm ins Leben gerufen, das Aids-Hospize, Waisenheime und Aids-Kliniken wie in Freedom Park umfasst. Wenn es um die Gesundheit seiner Diözesanen geht, scheut Dowling auch nicht davor zurück, den Weisungen aus Rom zu trotzen und Kondome austeilen zu lassen.

Darunter, dass der Staat in den Slums so wenig gegen die Aids-Seuche unternimmt, müssen vor allem die Kinder leiden: Viele von ihnen werden bei der Geburt von ihrer Mutter mit der Immunschwäche angesteckt. Ohne die nötige Gesundheitsversorgung werden sie meist nur wenige Jahre alt. In Südafrika nennt man Kinder wie die in Freedom Park "die verlorene Generation". Dabei wäre das Schicksal der jungen Todeskandidaten vermeidbar. Denn längst sind Präparate auf dem Markt, die das Risiko einer Mutter-zu-Kind-Übertragung wesentlich reduzieren können.

"Mein Sohn ist gerettet"

Doch ausgerechnet in Freedom Park keimt nun Hoffnung auf. "Du kannst dir nicht vorstellen, wie glücklich ich bin", sagt Malehlohonolo Mpusi. Die 35-jährige HIV-Infizierte hält in der einen Hand das Döschen mit den Aids-Medikamenten für diesen Tag, auf dem anderen Arm turnt ihr elf Monate alter Sohn David herum. Er wird die Medizin nicht benötigen, er ist HIV-negativ. "Mein Sohn ist gerettet. Ich bin so dankbar", sagt Mpusi und lächelt.

Es sieht so aus, als gelänge Schwester Georgina und ihren Mitarbeitern ein kleines Wunder: die Eindämmung der Seuche. Als ein nicht-staatliches Krankenhaus erhält die Freedom-Park-Klinik zwar keine staatlichen Hilfen, muss sich dafür aber auch nicht an den umstrittenen staatlichen Therapie-Plan halten. Der sieht die Vergabe von Nevirapine vor, eine Behandlung, die bei 15 bis 18 Prozent der Schwangeren nicht wirkt: Trotz der Therapie infizieren sich daher in Südafrika jährlich 45.000 Babys mit HIV.

Stattdessen verteilt das Team von Schwester Georgina eine Dreifach-Kombination verschiedener Medikamente an die Patientinnen, deren Neugeborene anschließend sechs Wochen lang mit dem Wirkstoff AZT behandelt werden - eine Erste-Welt-Therapie mitten in der Dritten Welt. Seit einem halben Jahr läuft das Programm, an dem bislang 27 Schwangere teilnehmen. Wie David sind bereits 13 andere Kinder negativ auf HIV getestet worden. "Bei den anderen Babys sieht es so aus, als würde die Therapie ebenfalls anschlagen", freut sich Schwester Georgina.

Auch die sechs Monate alte Ditebogo konnte gerettet werden. Ihre Mutter, Pinky Sidiane, wurde rechtzeitig in der Schwangerschaft getestet. "Ich hatte solche Angst um mein Baby, aber der Test hat ergeben, dass es nicht krank ist", sagt die HIV-Infizierte und küsst ihre fröhlich quiekende Tochter. Man sieht das Paar an und weiß nicht, ob man sich freuen soll. Pinky Sidiane ist 18 Jahre alt.

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