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21.12.2005
 

Vogelgrippe

Ölscheichs bangen um ihre Jagdfalken

Von Joachim Hoelzgen

Die Angst vor der Vogelgrippe treibt mancherorts bizarre Blüten. Während Menschen in Asien um Leben und Existenz bangen, fürchten arabische Scheichs um ihre Jagdfalken. Die Raubtiere sind als Statussymbole wichtiger als Autos und Uhren.

Starr und stumm liegen die drei Wanderfalken da. Sie sind nur noch ein abgründiges Bild der stolzen Vögel mit dem stechend kalten Blick und Krallen wie Stahl. Die Tiere sind Schmuggelware. Man hat sie auf dem Flughafen von Abu Dhabi konfisziert und in das Falkenhospital des Orts Sheiwan gebracht, 80 Kilometer entfernt in der Wüste der Vereinigten Arabischen Emirate.

Dort kümmert sich Margit Müller um die Greifvögel, die deutsche Leiterin des hochmodernen Falken-Krankenhauses. Sie hat die Tiere betäubt, um sie in einem Labor zu untersuchen - auf das Virus der Vogelgrippe.

Zum Glück aber hat die Tierärztin aus Bayern nichts gefunden. In der Klinik werden in normalen Zeiten jährlich bis zu 4000 Falken behandelt und für die Jagd fit gemacht. Doch nun gibt es zusätzlichen Stress, weil auch in den Emiraten das Gespenst der Vogelgrippe umgeht. Im Reich der Scheichs und deren märchenhaftem Prunk herrscht Sorge um die kostbaren Falken. Selbst eine Kulturkrise ist nicht länger auszuschließen.

Denn Falken sind nicht nur fliegende Embleme der Freiheit und des Stolzes der Wüstensöhne. Sie sind als soziale Rangabzeichen auch weit wichtiger als die Ferraris und die teuren Genfer Uhren an den Handgelenken. Sie bestimmen den Tagesrhythmus und bedienen einen tief verwurzelten Reflex aus jener Zeit, als die Golf-Araber noch arme Beduinen waren und Zugvögel wie etwa die Kragentrappe jagten, um an deren Fleisch zu kommen.

Bisher undenkbar: Jagdverbot für Falken

Jetzt aber hat die Regierung in Abu Dhabi drastische Maßnahmen erlassen, die wegen der Vogelgrippe sogar das vordem Undenkbare möglich machten: Ein Verbot der Jagd mit Falken ist erlassen worden - und das ausgerechnet zu Beginn der winterlichen Hauptsaison. Die größte Leidenschaft des Emirate-Adels ist damit jäh Opfer eines Verwaltungsakts geworden, und plötzlich wirken selbst die Falken irgendwie flügellahm.

Dabei sind die Jagdgesellschaften des Scheichs und langjährigen Emirate-Präsidenten Sajid, der vor einem Jahr gestorben ist, noch in bester Erinnerung. Sie waren ein Großspektakel, bei dem ein Heer von Bediensteten nicht nur einen Supermarkt und eine Hightech-Küche, sondern auch zwei mobile Krankenstationen mitführte - eine davon für die Falken und die andere für die Mitglieder des Jagdtrosses. Sajid beobachtete die Verfolgung der im Luftkampf chancenlosen Kragentrappen vom Geländewagen aus und erfreute sich an den kühnen Flugmanövern seiner Falken, die am Boden gleich von mehreren Dutzend Trainern betreut wurden.

All das fällt wegen der Vogelgrippe nun aus. Denn die Gefahr ihrer Einschleppung auch in die Emirate ist durchaus gegeben, nachdem Mitte November in Kuweit ein Flamingo mit der todbringenden Erkrankung entdeckt wurde. Ein Import-Falke aus Pakistan, der auf dem Flughafen Kuweits in Quarantäne kam, war ebenfalls erkrankt, trug aber eine nicht ganz so aggressive Virus-Variante.

Trappen wärmen sich in der Wüste

Um die Vogelgrippe abwehren zu können, ist die Einfuhr von Wildvögeln aller Art verboten worden, vorneweg natürlich die von Falken. Und gesetzlich vorgeschrieben ist auch die Registrierung der einheimischen Sturzkampfflieger - was aber nicht ausschließt, dass Wanderfalken etwa aus Zentralasien den Sperrgürtel überwinden.

Das gilt auch für die bevorzugten Beutetiere, die truthahnähnlichen Kragentrappen, von denen Irrgäste auch schon mal nach Deutschland fliegen. Zusammen mit anderen Zugvögeln schweben die Trappen, die aus den Steppen Chinas und der Mongolei stammen, während des Winters auf der arabischen Halbinsel ein, um sich in den dortigen Wüsten zu wärmen. Und das Fleisch der zähen Flieger gilt als Aphrodisiakum, was den Bann über die Jagd natürlich noch schlimmer macht.

Die Lobby der Falken-Fans konnte immerhin durchsetzen, dass sie mit ihren Tieren zum Trost außer Landes jagen dürfen - in den Weiten Pakistans und Kasachstans. Die Falkner reisen mit Privatjets dorthin und führen eine ausgeklügelte Infrastruktur mit. Trinkwasseranlagen und fahrbare Werkstätten für schwere Geländewagen sind ebenso selbstverständlich wie Nachtsichtgeräte und die obligate Krankenstation für Falken sowie Silbertabletts für den Minztee.

Enger Kontakt zwischen Mensch und Falke

Die Vogelgrippe dräut aber auch in Pakistan, wo die Regierung in Islamabad ein Jagdverbot für Wildenten erlassen hat, die im Nordosten des Landes überwintern. Man will verhindern, dass womöglich infizierte Enten in den Kochtöpfen von Opfern des Erdbebens landen, das die Region verwüstet hat.

Vorsicht ist aber auch in den Emiraten selbst geboten, falls sich Falkner nicht an die neuen Jagdgesetze halten und womöglich illegal auf die Pirsch gehen. "Diese Möglichkeit existiert, wir können das nicht ausschließen", meint im Falkenhospital von Sheiwan die Tierärztin Müller. Und sie weist darauf hin, dass die Falken-Eigner eng mit ihren Himmelsstürmern in Berührung sind: "Der Falke ist wie ein Kind für sie, er ist Teil ihrer Familie."

In den Salons der Scheichs spielen die Falken eine Rolle wie anderswo der Labrador oder der Berner Sennenhund. Sie werden von Besuchern bestaunt und berührt und sitzen ruhig mit ihren Besitzern beim Fernsehen, wobei sie gefüttert werden - denn das stärkt das Vertrauen der Tiere.

Nationales Komitee gegen den Grippe-Befall

Damit alles so bleibt und in den Palästen keine Panik vor der Vogelgrippe aufkommt, ist in den Emiraten ein nationales Komitee gegen die Seuche gegründet worden. In Dubai, Abu Dhabi und den anderen Städten ist das Abhalten von Geflügelmärkten untersagt worden. Majed el-Mansouri, der Generalsekretär des Komitees, hat bereits den Aufbau von Quarantäne-Einrichtungen etwa auf den Großflughäfen angekündigt.

Als Bollwerk gegen das Vogelgrippe-Virus dient aber auch das Falkenkrankenhaus, dessen Labor täglich 1000 Proben untersuchen kann. Falls nötig, ließe sich die Anzahl auch verdoppeln. "In wenigen Stunden", meint die Falkenärztin Margit Müller, "könnten wir herausfinden, ob es sich um das Vogelgrippe-Virus H5N1 handelt."

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