Im Zeitraum von 1994 bis 2001 verzeichneten die Wissenschaftler der Bostoner Brandeis University einen Anstieg von 250 Prozent bei den verschriebenen Psychopharmaka für Jugendliche. Sie errechneten, dass Jungen bei jedem zehnten Praxisbesuch ein Rezept für ein Medikament bekommen, das auf die Psyche einwirkt. Dabei gibt es nur wenige dieser Arzneien, die Patienten unter 18 Jahren verordnet werden dürfen - typischerweise Medikamente gegen die Aufmerksamkeitsdefizitstörung (ADHS) oder Depressionen.
Hierzulande sind die Steigerungsraten sogar noch höher. Der bei ADHS verabreichte Wirkstoff Methylphenidat (Ritalin) wurde in Deutschland laut aktuellem Arzneiverordnungsreport im Jahr 2004 20-mal öfter verordnet als 1995. Und das, obwohl ein Zusammenhang, den die amerikanischen Forscher herstellen, für Deutschland nicht gilt: Seit 1999 dürfen Pharmakonzerne in den USA ihre Werbung - auch für verschreibungspflichtige Medikamente - direkt an den Verbraucher richten. Daraufhin schnellte, so die Studie, die Anzahl der Psychopharmaka-Verordnungen für Jugendliche besonders auffällig nach oben. Studienleiterin Cindy Parks Thomas bewertet ihre Ergebnisse als "alarmierend".
Neben der zunehmenden Akzeptanz von Psychopharmaka unter Ärzten und Patienten vermuten die Wissenschaftler aber noch weitere, weniger besorgniserregende Zusammenhänge: So hätten neue Medikamente weniger Nebenwirkungen, außerdem würden junge Patienten öfter auf geistige Störungen untersucht als früher. Wichtig ist Cindy Parks Thomas dennoch eine genaue Überprüfung der Gründe, "vor allem, weil diese medikamentöse Behandlung nicht ohne Risiken ist".
Eine Art der Antidepressiva, die selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI), sollen nach einer Studie der New Yorker Columbia University eine höhere Selbstmordgefahr bei Kindern und Jugendlichen bewirken können. Trotzdem wurden gerade SSRI laut Arzneiverordnungsreport 2005 auch Kindern in Deutschland um ein Viertel häufiger verschrieben als im Vorjahr - obwohl die meisten Hersteller darauf hinwiesen, dass dieses Medikament bei Patienten unter 18 Jahren nicht angewendet werden sollten.
Ritalin, hoch dosiert und dauerhaft eingenommen, wurde auch schon verdächtigt, das Risiko für eine spätere Parkinson-Erkrankung zu erhöhen. Belege dafür gibt es allerdings keine, sagt Professor Ulrich Schwabe, Mitherausgeber des Arzneiverordnungs-Reports, auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE. Er sieht die Nebenwirkungen nicht als wesentliches Problem. Der Facharzt für Pharmakologie beschreibt den Zwiespalt: "Fest steht, dass die Therapie wirkt. Über das Ausmaß der Verschreibung kann man sich allerdings durchaus Gedanken machen."
Ebenfalls problematisch ist, dass Arzneimittel bei Kindern auch außerhalb der zugelassenen Anwendungsgebiete eingesetzt werden. Denn viele Hersteller sparen sich den Aufwand, bei Medikamenten zu prüfen, ob und in welcher Dosierung sie für Kinder geeignet sind. Trotzdem, kritisieren Experten, werden den jungen Patienten diese Arzneien verordnet. Auch bei Medikamenten, die für Kinder und Jugendliche zugelassen sind, liegen oft keine ausreichenden Belege für einen therapeutischen Nutzen vor.
Während jedoch Jugendlichen mehr Psychopharmaka verschrieben werden als je zuvor, nahm der Trend bei anderen verschreibungspflichtigen Medikamenten wie zum Beispiel Antibiotika in den USA ab. Sie sind im Gegensatz zu den Arzneien für die Psyche momentan nicht angesagt: Nach umfassenden Kampagnen über die Gefahr der Resistenz gegen Antibiotika bei übermäßigem Gebrauch wurden deutlich weniger Rezepte für Jugendliche ausgestellt, so die Bostoner Forscher.
Sandra Kaupmann
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