London - Es ist die erste halbwegs verlässliche Studie über Sterbehilfe in Großbritannien, und sie nennt erschreckende Zahlen. Von den knapp 585.000 Todesfällen, die sich 2004 in England, Schottland, Wales und Nordirland ereigneten, sollen rund 3000 auf das Konto der aktiven Sterbehilfe gegangen sein, schreibt ein Forscherteam um Clive Seale von der englischen Brunel University im Fachblatt "Palliative Medicine".
0,16 Prozent der Tode, was 930 an der Zahl wären, sind der Studie zufolge auf die sogenannte freiwillige Sterbehilfe zurückzuführen, bei der ein Patient den Tod wünscht und der Arzt das tödliche Medikament verabreicht. In 1930 Fällen aktiver Sterbehilfe aber hätten die Patienten nicht ausdrücklich die Beendigung ihres Lebens verlangt, heißt es in der Untersuchung.
Ob sich die Zahlen tatsächlich auf das Hundertstelprozent genau auf die Wirklichkeit übertragen lassen, ist nicht unbedingt sicher. Seale und seine Kollegen hatten zwischen Oktober und Dezember des vergangenen Jahres 1000 zufällig ausgewählte Allgemeinärzte und Klinik-Spezialisten per Post nach ihrem letzten verstorbenen Patienten befragt. 857 ausgefüllte Fragebögen kamen zurück.
Seale ist jedoch überzeugt, dass seine Untersuchung brauchbare und ausgesprochen positive Ergebnisse produziert hat. So seien britische Ärzte im Vergleich zu Kollegen aller anderen europäischen Länder weniger schnell bereit, das Leben ihrer Patienten vorzeitig zu beenden. "Wir haben in Großbritannien ein starkes Ethos, exzellente Palliativmedizin zu leisten", teilte Seale auf der Website seiner Universität mit.
Obwohl seine Studie besagt, dass die aktive Sterbehilfe in zwei von drei Fällen ohne klare Einwilligung des Patienten erfolgt, hält Seale die Ergebnisse für einen Beweis der hohen Integrität britischer Ärzte. Diese seien bereit, "andere Arten von Entscheidungen" zu treffen, "deren Priorität das Wohlbefinden des Patienten ist, ohne das Leben um den Preis des Leidens zu verlängern". Die Ergebnisse der Untersuchung zeigten, "dass die bestmögliche Versorgung des Patienten die stärkste Triebfeder medizinischer Entscheidungen ist".
Andere Briten interpretieren die Ergebnisse freilich anders. "Diese Untersuchung beweist, dass einige Ärzte bewusst das Gesetz brechen und Patienten beim Sterben helfen", sagte Deborah Annetts von der Voluntary Euthanasia Society der Zeitung "The Guardian". "All dies geschieht im Geheimen und wird öffentlich geleugnet. Einige dieser Ärzte handeln aus Mitleid und auf Wunsch ihrer Patienten, andere dagegen eindeutig ohne Zustimmung."
Weiterhin kam die Untersuchung zu dem Ergebnis, dass Ärzte bei einem Drittel aller britischen Todesfälle schmerzlindernde Medikamente verabreicht haben, die das Leben der Patienten verkürzt haben könnten. Bei weiteren 30 Prozent bzw. rund 177.000 Fällen sei passive Sterbehilfe - der Verzicht auf lebensrettende Maßnahmen - im Spiel gewesen. Keiner der befragten Mediziner hatte angegeben, einem Patienten die für einen Suizid notwendigen Medikamente ausgehändigt zu haben.
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