Von Holger Dambeck
Mediziner können derzeit auf Réunion eine Epidemie wie aus dem Lehrbuch beobachten. Das Chikungunya-Virus kam bislang auf der französischen Insel im Indischen Ozean nicht vor - die rund 750.000 Bewohner sind deshalb nicht immun. Seit im März 2005 die ersten Infektionen auftraten, ist es den Behörden nicht gelungen, die Virusausbreitung zu stoppen.
Im Gegenteil: Seit Mitte Dezember explodiert die Zahl der Infizierten regelrecht. "Die Krankheit breitet sich exponentiell aus", sagte der Epidemiologe Phillipe Renault der Nachrichtenagentur Reuters. Wie die Gesundheitsbehörden der Insel am heutigen Donnerstag mitteilten, sind mittlerweile 50.000 Fälle der äußerst schmerzhaften Krankheit gezählt. Vor wenigen Tagen war noch von 30.000 Infizierten die Rede.
Allein seit Mitte Dezember seien 45.000 Fälle verzeichnet worden, heißt es. Pro Woche erhöhe sich die Zahl der Erkrankten um 15.000. Damit könnte schon bald jeder zehnte der 750.000 Einwohner infiziert sein. Die 2500 Quadratkilometer große Insel gehört zu Frankreich und liegt östlich von Madagaskar im Indischen Ozean.
Gegen das Virus existieren weder eine Impfung noch eine Therapie. Infizierte leiden in der Regel zwei Wochen an Fieber und schweren Gelenkschmerzen. Der Begriff Chikungunya kommt aus dem Swahili und bedeutet "gekrümmt laufen" - eine treffende Beschreibung Infizierter.
Keine Lebensgefahr
Nach dem Abklingen der Krankheit sind die Betroffenen immun gegen das Virus, sagt Michael Groening, Reisemediziner vom Hamburger
Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. Wegen der isolierten Insellage sei das Chikungunya-Fieber bislang auf Réunion nicht verbreitet gewesen. Eine natürliche Immunisierung wie in Afrika und Südostasien, wo das Virus heimisch ist, gab es nicht. Dies erkläre auch die exponentielle Zunahme der Fälle.
"Die Erkrankung ist nicht lebensbedrohlich", betont Groening. Bei den meisten Erkrankten verschwänden die Symptome, zu denen auch Hautausschlag gehöre, nach zwei Wochen. "In ein bis zehn Prozent der Fälle können die Gelenkschmerzen aber auch über Monate andauern." Dies beträfe vor allem Menschen, die bereits Probleme mit den Gelenken hätten.
Nach Reuters-Angaben werden zwischen 100 und 150 Erkrankte in Hospitälern auf der Insel behandelt. Der Zustand der 22 schweren Fälle sei stabil. 20 mit dem Fieber Infizierte sind bisher gestorben, berichtet die Nachrichtenagentur AFP, wobei das Virus von den Behörden nicht als Hauptursache gesehen wird. Einen der Fälle überprüften Gerichtsmediziner noch.
Hirnhautentzündungen bei Neugeborenen
Übertragen wird das Virus von einer Mückenart, die sowohl tag- als auch nachtaktiv ist. "Dies erhöht die Infektionsgefahr - Malaria-Mücken stechen beispielsweise nur nachts zu", erklärt Groening. Reisende sollten deshalb rund um die Uhr Mückenschutz auftragen.
Bei Neugeborenen haben Mediziner Hirnhautentzündungen diagnostiziert, die von dem Chikungunya-Virus ausgelöst wurden. Derzeit sind nach Groenings Angaben 15 Fälle bekannt.
Die französischen Behörden setzen immer mehr Soldaten und Zivilisten gegen die Plage ein. Die Einsatzkräfte versprühen auf der ganzen Insel Chemikalien gegen die Mücken, die das Virus übertragen. Schon in wenigen Tagen sollen 800 Personen zur Verfügung stehen, kündigte Präfekt Laurent Cayrel an. Eine Woche später sollen es sogar 1500 sein.
Hotels und Fluggesellschaften berichten bereits von Stornierungen. Die exotische Insel mit Palmen, türkisfarbenen Lagunen und Korallenriffen ist ein beliebtes Reiseziel.
"Ob man jetzt nach Réunion reisen sollte oder nicht, muss jeder selbst entscheiden", sagt Groening. Einen erholsamen Urlaub kann der Mediziner nicht garantieren: "Es besteht das Risiko, dass man zwei Wochen mit Gelenkschmerzen und Fieber im Hotelbett liegt."
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