Nicht Resultate, sondern deren Interpretationen werden oft kommuniziert, nachdem Wissenschaftler ihre Arbeiten veröffentlicht haben. Wie Ergebnisse interpretiert werden sollen, ist jedoch nicht immer klar - und ob die Forscher ihre eigenen Werte über Gebühr auslegen. So scheint es der Fall bei der zweiten großen Studie der Women's Health Initiative (WHI) zu sein. Hier hatten Forscher gut acht Jahre lang fast 50.000 Frauen im Alter von 50 bis 79 Jahren daraufhin untersucht, ob fettarme Ernährung nach den Wechseljahren gesundheitlich zuträglich ist.
In der Fachzeitschrift "Journal of the American Medical Association" (JAMA) hatten Barbara Howard und ihre Kollegen berichtet, dass fettarme Ernährung weder vor Krebs noch vor Herz-Kreislauf-Erkrankungen schützt. Jedenfalls habe man bei den Probandinnen kaum Hinweise darauf finden können.
An 40 Orten in den USA ist die Studie durchgeführt worden. 19.000 Teilnehmerinnen hatten weniger Fett zu sich genommen. Sie bekamen die Anweisung, maximal 20 Prozent ihrer Nahrungsenergie in Form von Fett aufzunehmen sowie mindestens fünf Mal täglich Gemüse und Obst und sechs Mal täglich Getreideprodukte zu essen. Dazu erhielten die Frauen eine intensive Schulung sowohl in Gruppensitzungen als auch in Einzelgesprächen. Die übrigen 29.000 Frauen hatten schlicht weiterhin gegessen, was und wieviel sie wollten.
Medienecho voreilig
"Fit trotz Fett" hatte eine große deutsche Tageszeitung getitelt, "Niedrigfettdiät verringert nicht Gesundheitsrisiken" eine große amerikanische. Die Meldung von der Studie hatte schnell die Runde gemacht. Tenor: Fettarm ist auch nicht besser. Jetzt wehren sich Experten gegen diesen Eindruck.
Emma Knight von der britischen Krebsforschungsvereinigung Cancer Research UK sagte der BBC: "Die Leute sollten sich weiterhin ausgeglichen ernähren, mit viel Obst und Gemüse." Sie verwies darauf, dass gegenwärtig nur wenige direkt ernährungsbezogene Faktoren bekannt seien: Fettsucht und Alkohol begünstigten Brustkrebs, das Darmkrebsrisiko steige mit dem Verzehr von viel rotem Fleisch.
"Eine ernüchternde Situation", sagt Walter Willett, Epidemiologe der Harvard University, "das war die größte und teuerste Ernährungsstudie, die je durchgeführt wurde." Die Resultate seien jedoch "krude". Der Streit um die Auslegung Howards und ihrer Kollegen lässt sich darauf eingrenzen, ob ihre - sauber gemessenen - Befunde auch aussagekräftig sind.
Aussagekraft und Übertragbarkeit
Die Experten stellen die Folgerungen aus mehreren Gründen in Frage: Zunächst ist fraglich, ob Befunde 50- bis 79-jähriger Frauen Rückschlüsse auf andere Patienten zulassen. Schon zu Beginn ihrer Ernährungsumstellung sind die Testpersonen relativ alt gewesen. Nach neueren Erkenntnissen wird das Herz-Kreislauf-System bereits früh durch die Nahrung beeinflusst.
Außerdem sei die Ernährungsumstellung nicht ganz so ausgeprägt gewesen wie erwartet. Auch seien modernere ernährungswissenschaftliche Aspekte nicht berücksichtigt worden - wie beispielsweise die Empfehlung, hauptsächlich mehrfach ungesättigte pflanzliche Fette zu essen. Genau das scheint jedoch die wichtigen Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Erkrankungen wie Blutdruck und Cholesterinwerte zu beeinflussen. Die Autoren der Studie räumten dies selbst ein.
Dass viele Testpersonen ihre liebe Mühe hatten, sich an die vorgeschrieben Diät zu halten, und dass mit acht Jahren Laufzeit für viele langsam wachsende Tumorarten die Studie schlicht zu kurz war, hilft da nicht eben.
Insofern gilt das Ergebnis der WHI-Untersuchung: Sie fand nur wenige Belege für gesundheitliche Vorteile durch fettarme Ernährung. Dass es diese aber nicht gibt, kann man daraus nicht schlussfolgern.
stx/ddp
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