Von Sebastian Herrmann
Dennoch bestreitet kein seriöser Wissenschaftler den akut harntreibenden Effekt von Kaffee. Koffein hemmt das antidiuretische Hormon der Hirnanhangsdrüse und signalisiert so den Nieren, vermehrt Flüssigkeit auszuscheiden. Bei regelmäßigem Konsum sei der Effekt aber reduziert, erklärt Maughan. "Außerdem wirkt sich dieses kurzfristige Ausschwemmen nicht auf den Flüssigkeitshaushalt des Körper aus", ergänzt Antje Gahl - über den Tag entstehe kein Verlust. Auch die Wirkungen auf das Kreislaufsystem sind nicht so gravierend wie lange angenommen. "Wer an Kaffee gewöhnt ist, wird nach ein, zwei Tassen höchstens einen geringfügig höheren Blutdruck haben", sagt Andreas Pfeiffer, Ernährungsmediziner an der Charité in Berlin.
Eine Ansicht, die bereits länger anerkannt wird: So hat das Nationale Herz-, Lungen- und Blutinstitut der USA 2003 eine Empfehlung zurückgenommen, wonach Patienten mit hohem Blutdruck höchstens moderate Mengen Kaffee trinken sollten. Wolfgang Winkelmayer von der Harvard School of Public Health in Boston untermauerte diese Einschätzung: Im Journal of the American Medical Association präsentierte er kürzlich eine Studie mit Daten von 150000 Frauen. Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen Kaffeekonsum und hohem Blutdruck habe man nicht gefunden, hieß es darin.
Dennoch lässt sich am Tatort Herz-Kreislauf Kaffee in einer Hinsicht als Übeltäter überführen: In einigen Studien gab es Hinweise darauf, dass Kaffee den Cholesterinspiegel im Blut steigen lässt, wie Trine Ranheim und Bente Halvorsen berichten. Sollte das Kaffeetrinker-Herz jetzt vor Schreck schneller schlagen?
Sollte es nicht. Denn dieser Zusammenhang lässt sich nur für ungefilterten Kaffee herstellen. Cafestol und Kahweol - so genannte Diterpene - sind die Stoffe, die den Blutfettspiegel in die Höhe treiben, und diese bleiben im Filterpapier der Kaffeemaschinen hängen. "Und bei Espresso ist die Kaffeemenge so gering, dass man sich keine Sorgen machen muss", sagt Andreas Pfeiffer. Stattdessen lassen sich mit dem Geschmack auch gesundheitliche Freuden des Kaffees genießen: Der treue Bürobegleiter hemme Parkinson, da das Koffein die Produktion des Nervenbotenstoffs Dopamin anrege, melden amerikanische Neurologen. Der Ausbruch der Alzheimerkrankheit könne durch regelmäßigen Genuss vielleicht verzögert werden, heißt es von anderer Stelle.
Auch chronischen Lebererkrankungen könne Kaffee vorbeugen, gerade wenn diese durch hohen Alkoholkonsum oder Übergewicht hervorgerufen werden, schreibt die US-Medizinerin Constance Ruhl. Mediziner der Universität Rotterdam bringen das Getränk in Verbindung mit einem geringeren Diabetes-Risiko. Ist Kaffee vom bösen Buben zum Wundermittel geworden? "Absolut harte Belege liefern die Studien zwar nicht, aber immerhin Hinweise", antwortet der Diabetes-Spezialist Pfeiffer.
In einem Fall verdichten sich diese Hinweise: So haben kanadische Mediziner um André Nkondjock von der Universität Ottawa entdeckt, dass sechs Tassen Kaffee täglich das Brustkrebsrisiko bei Frauen um 70 Prozent senken. Das Getränk könnte vor Blasen- und Dickdarmkrebs schützen, sekundieren Kollegen in anderen Arbeiten. Als Wohltäter unter den Kaffeeinhaltsstoffen haben Forscher alte Bekannte identifiziert: Antioxidanzien - Stoffe, die aggressive Sauerstoffverbindungen im Körper unschädlich machen und auch in vielen Obst- und Gemüsearten vorhanden sind.
Doch Kaffee, so das Ergebnis einer Studie, ist die wichtigste Quelle für Antioxidanzien auf dem Speiseplan der US-Bürger. 1300 Milligramm trinkt der durchschnittliche Amerikaner täglich mit seinem Kaffee, hat der Chemiker Joe Vinston errechnet. Obst und Gemüse trugen nicht einmal ein Zehntel so viel Antioxidanzien bei. Auch hier handelt sich nur um Hinweise, doch diese lassen den Schluss zu: Kaffee ist kein Gesundheitskiller, und wenn ein paar Tassen täglich sogar helfen, umso besser.
Geschätzt wird das Getränk neben seinem Geschmack doch vor allem wegen seiner anregenden Wirkung, die dem Koffein zu verdanken ist: Der Muntermacher blockiert die Wirkung von Adenosin, einem Botenstoff, der dem Körper als natürliches Schlafmittel dient. Darüber hinaus zeigte sich Kaffee in manchen Untersuchungen als mildes Antidepressivum. Der Innsbrucker Radiologe Florian Koppelstätter fand kürzlich sogar Hinweise dafür, dass Kaffee Doping für den Geist ist. Seine Probanden zeigten unter Koffeineinfluss gesteigerte Gedächtnisleistungen. Im Magnetresonanztomografen flackerten besonders die Hirnareale auf, in denen das Kurzzeitgedächtnis verortet wird: der Frontallobus und der vordere Cingulum.
Kaffeegegner griffen derartige Forschungsergebnisse bislang mit dem stets gleichen Argument an: Kaffee mache abhängig und deshalb seien die gemessenen Effekte keine Leistungssteigerung, sondern nur eine Normalisierung. Teilnehmer, deren Stimmung oder Geistesleistung nach Kaffeegenuss steige, hätten nur ihre Entzugssymptome beseitigt. Auch diese Meinungsfeste wird geschliffen. Die Probanden von Andrew Smith durften ihren Kaffeedurst wie gewohnt stillen, bevor der britische Psychologe von der Universität Cardiff seine Untersuchung begann. Und mehr Koffein half tatsächlich mehr, die 60 Teilnehmer bewältigten ihre Testaufgaben im Schnitt schneller.
Doch eines ist wahr: Koffein macht abhängig, jedoch nur leicht, stärkere Entzugserscheinungen als Kopfweh sind nicht zu erwarten. Kaffee kann nervös machen oder eine schlaflose Nacht bereiten. Schwangere sollten nicht mehr als drei Tassen Kaffee pro Tag trinken, empfehlen dänische und amerikanische Ärzte in einer aktuellen Studie. Aber alles halb so wild, außer man trinkt Caffè latte literweise: "Die negativen Wirkungen des Kaffees sind moderat", sagt Andreas Pfeiffer. So viele Indizien erschüttern die Annahme, das Getränk sei Gift für den Körper. Daher sollte man sich beim Kaffee auf das Wesentliche beschränken: den Genuss.
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