Sollte es eine Pandemie geben, werden die Krankenhäuser "voll von Menschen mit schweren Atemwegsbeschwerden" sein, sagte Klaus Stöhr, Leiter des Influenza-Impfstoff-Programms der Weltgesundheitsorganisation (WHO), der in Hannover erscheinenden "Neuen Presse". "Darauf gilt es vorbereitet zu sein." Nachdem bei toten Schwänen und einem Habicht von der Insel Rügen das Virus H5N1 festgestellt worden war, gilt die Sorge der Experten vor allem der Ausbreitung des Erregers auf Nutztierbestände.
Eventuelle Infektionen bei Menschen gelten bei der jetzigen Variante des Erregers als sehr unwahrscheinlich. Die Sorge der Gesundheitsexperten gilt einer Mutation. Je weiter H5N1 sich verbreitet, desto wahrscheinlicher ist eine Variante, die sich von Mensch zu Mensch verbreiten kann.
Mit seinen Notfallmaßnahmen für einen solchen Pandemiefall sei Deutschland gemeinsam mit den USA, Frankreich oder den Niederlanden führend. Allerdings würden "noch nicht in ausreichendem Maße" antivirale Medikamente bereitgehalten, kritisierte Stöhr. Durch gezielte Maßnahmen lasse sich die Zahl der von einer möglichen Pandemie Betroffenen verringern.
Derzeit bestehe keine Gefahr für Menschen. Bei dem Grippevirus handele es sich um eine Tierseuche, die außerordentlich schwer auf den Menschen überspringe, machte er heute im Bayerischen Rundfunk deutlich. In Asien seien trotz der weiten Verbreitung der Vogelgrippe nur wenige Menschen erkrankt. In Europa seien zudem bislang nur Wildvögel und keine Nutztiere erkrankt. Deshalb seien auch die Lebensmittel in Europa sicher, sagte Stöhr.
Ob das Virus mutiert und wann, könne niemand vorhersagen, sagte der WHO-Experte. Deshalb sei es vernünftig, eine weitere Ausbreitung zu verhindern und sich zugleich auf eine große Pandemie vorzubereiten.
Nach den ersten Vogelgrippe-Fällen in Deutschland befürchtet das für Tierseuchen zuständige Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) eine weitere Ausbreitung der Erkrankung. "Wir können eine weitere Verbreitung nicht ausschließen", sagte FLI-Präsident Thomas Mettenleiter der "Berliner Zeitung". Deswegen werde die Beobachtung von Wildvögeln und von Nutzgeflügel verstärkt. Ein Übergreifen der Vogelgrippe von Wildvögeln auf Nutztiere kann laut Mettenleiter noch verhindert werden. "Werden alle Schutzmaßnahmen strikt eingehalten, ist ein Übergreifen auf deutsche Geflügelbestände zu verhindern."
Das plötzliche Auftreten der Vogelgrippe in Mecklenburg-Vorpommern sieht Mettenleiter mit Sorge. "Sorgen macht uns, dass Schwäne keine klassischen Zugvögel sind und dass das Virus schon vor dem klassischen Frühjahrszug Deutschland erreicht hat", sagte er. Dafür gebe es zwei mögliche Erklärungen. Am wahrscheinlichsten sei, dass die Tiere wegen des strengen Winters in Osteuropa gekommen seien und das Virus so hierher brachten. Möglich sei auch, dass die Tiere schon immer auf Rügen lebten. "Das würde bedeuten, dass das Virus schon länger hier grassiert als gedacht", sagte Mettenleiter.
Fachleute suchen jetzt auch in anderen Vogelkadavern nach dem Virus. In Hamburg wurden mehrere tote Enten in einem Kanal entdeckt. In den Kreisen Plön und Rendsburg-Eckernförde wurden rund 20 tote Vogel gefunden. Nach einem NDR-Bericht wurden auch auf der Ostseeinsel Fehmarn tote Schwäne entdeckt. Behördensprecher betonten allerdings, dass die Tiere zum Beispiel auch verhungert oder erfroren seien könnten. Zudem gehe es hier weiterhin um eine reine Tierseuche.
Streit um Kompetenzen zwischen Bund und Ländern
Mit dem Ausbruch der Vogelsgrippe in Deutschland wird sich heute auch der Bundestag befassen. Agrarminister Horst Seehofer (CSU) wird dazu eine Regierungserklärung abgeben und Maßnahmen zum Schutz gegen die Ausbreitung des auch für Menschen gefährlichen Virus H5N1 erläutern.
Nach Ansicht Seehofers war das Übergreifen der Vogelgrippe auf Deutschland "nur eine Frage der Zeit". Seit Monaten gelte in der Bundesrepublik ein "umfangreiches Maßnahmenpaket" gegen die Einschleppung der Seuche. Dazu gehörten neben der jetzt verhängten bundesweiten Stallpflicht für Geflügel die verschärften Grenzkontrollen gegen den illegalen Import von Geflügelprodukten, aber auch die ständige Untersuchung von tot aufgefundenen Wildvögeln. Der Minister warnte davor, angesichts der Vogelgrippe "in Panik" zu verfallen. Auch könnten nach wie vor bedenkenlos Geflügelfleisch und Eier verzehrt werden.
Zum Schutz vor der Weiterverbreitung der Vogelgrippe forderte Höhn mobile Einsatzstationen. Solche Einrichtungen, die mit Tierärzten besetzt sind, könnten in ein Krisengebiet fahren und dort die notwendigen Schutzmaßnahmen ergreifen. Die Grünen-Politikerin verwies auf die Niederlande, wo bei der Vogelgrippe 2003 solche Stationen zum Einsatz gekommen seien und dazu beigetragen hätte, die Tierseuche erfolgreich zu bekämpfen.
Auch Bayerns Verbraucherminister Werner Schnappauf (CSU) dringt auf eine "Klarstellung" der Kompetenzen zwischen Bund und Ländern beim Seuchenschutz. Schnappauf sprach sich grundsätzlich für eine Zuständigkeit des Bundes bei der Bereithaltung von Grippemedikamenten aus. Die Finanzierung dürfe jedoch nicht aus Steuermitteln erfolgen. Für die Medikamente sollen demnach die Krankenkassen aufkommen.
Zwei weitere Todesfälle in Indonesien
Die indonesischen Gesundheitsbehörden meldeten heuten zwei weitere Todesfälle mit Vogelgrippe-Verdacht. Wie das Sulianti-Saroso-Krankenhaus in der Hauptstadt Jakarta mitteilte, starben dort in kurzem Abstand ein 15-jähriges Mädchen und ein 27-jähriger Mann mit Vogelgrippe-Symptomen.
Sollte ein Test vor Ort den Verdacht auf die gefährliche H5N1-Variante der Vogelgrippe erhärten, werde im Labor der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Hongkong ein Vergleichstest vorgenommen, hieß es. In Indonesien wurden in diesem Jahr bereits sieben H5N1-Todesfälle bestätigt. Seit 2003 starben weltweit mindestens 90 Menschen an der Vogelgrippe.
lan/AFP/ddp
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