Mit Massentierhaltung hat die Region Weser-Ems ihr Glück gemacht. Aus dem norddeutschen Armenhaus zwischen Osnabrück und Oldenburg wurde eine Vorzeigeregion mit rekordverdächtig niedriger Arbeitslosigkeit. Nun aber geht die Angst um in den Kreisen Emsland, Vechta, Cloppenburg und Osnabrück. Kommt die Vogelgrippe, droht eine beispiellose Massentötung von Puten und Hühnern.
Treffen würde es nicht nur die Bauern in einer Region, die häufig als der deutsche Fleischtopf bezeichnet wird: Auch für Schlachtbetriebe und Veredlungswirtschaft geht es dann ums nackte Überleben. Rund 72 Millionen Stück Federvieh werden in Niedersachsen gehalten, das sind fast 60 Prozent des gesamten deutschen Bestandes. Und wiederum über 60 Prozent davon entfallen allein auf die vier Landkreise im Nordwesten des Bundeslandes.
Wenn hier auch nur ein Fall in einem Nutztierbestand nachgewiesen wird, kann dies in der Sperrzone von nur drei Kilometern bereits den Tod von weit über einer Million Tiere bedeuten. Mit Pardon aber können die Bauern nicht rechnen. Der zuständige Landwirtschaftsminister Hans-Heinrich Ehlen (CDU) hat sich bereits klar positioniert: "Hier muss der Staat mit voller Wucht reagieren."
Vor drei Jahren konnte der Ausbruch der Geflügelpest in den benachbarten Niederlanden nur eingedämmt werden, indem rund 30 Millionen Stück Geflügel getötet wurden. Geschätzter Schaden: mindestens 500 Millionen Euro.
Halbherzige Maßnahmen wie in Mecklenburg-Vorpommern werde es in Niedersachsen nicht geben, kündigte Ehlen an. Das Land hat bereits vorgesorgt und eine regelrechte Tötungsmaschinerie organisiert. Tankwagen mit Kohlendioxid stehen verteilt übers Land bereit; das gleiche gilt für Container zur Vergasung kleinerer Bestände. Veterinäre, Polizeidirektoren, Kreisbrandmeister und Hilfsorganisationen wurden auf einer Konferenz auf rasches Handeln eingeschworen.
Die Kapazität für die Vernichtung von Kadavern wurde in Niedersachsen auf 1,4 Millionen Tiere täglich mehr als verdoppelt; notfalls werden sie in Zementfabriken verbrannt oder an bereits festgelegten Plätzen vergraben. Das Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit in Oldenburg soll dabei die Regie führen.
Für ihr gekeultes Geflügel werden die Bauern aus der Tierseuchenkasse entschädigt, die Mitgliedschaft ist Pflicht. Das dicke Ende aber kommt erst nach der Tötung der Tiere. Bestenfalls nach ein bis zwei Monaten können neue Tiere aufgestallt werden. Dann aber werden sich viele Abnehmer längst andere Lieferanten aus Gegenden gesucht haben, in denen es keinen Ausbruch der Seuche gab.
Das absolute Transportverbot in Zonen mit jeweils zehn Kilometer Radius führt zudem dazu, dass Hähnchen und Puten nicht mehr zum vorgesehenen Zeitpunkt geschlachtet werden können. Auch schneidet ein solches Verbot die verarbeitenden Betriebe von ihrem Nachschub ab. Die Verbindung aus einer bis dahin in Deutschland unbekannten Intensität der Tierhaltung und der anschließenden Veredelung der Produkte vor Ort hat den Wohlstand in die Region gebracht, vom Bauern bis zum Hühnerbaron. Aber für sie alle gilt deshalb nun auch, was Landwirtschaftsminister Ehlen über die Folgen sagt, wenn das Virus grassiert: "Das wird für viele Betroffene sehr bedrückend sein."
Was auch in Deutschland geschehen könnte, ist derzeit in Indien zu besichtigen: Seit vergangener Woche hat die Vogelgrippe der dortigen Geflügelindustrie Einbußen von umgerechnet rund 930 Millionen Euro beschert, berichtete die Zeitung "The Hindu Business Line". Ein Sprecher des Branchenverbands im nordindischen Unionsstaat Uttar Pradesh sagte, mehr als 60 Prozent der 2,5 Millionen Beschäftigten hätten dort ihre Arbeit verloren.
mbe/AFP/AP
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wissenschaft | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Mensch | RSS |
| alles zum Thema Vogelgrippe | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH