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27.02.2006
 

Vogelgrippe

Existenzangst in Deutschlands Fleischtopf

Die Vogelgrippe löst Ängste vor horrenden wirtschaftlichen Verlusten aus. Niedersachsen, das mit Abstand geflügelreichste Bundesland, hat bereits eine enorme Tötungsmaschinerie in Stellung gebracht, sollte die Seuche auf Nutztierbestände übergreifen.

Mit Massentierhaltung hat die Region Weser-Ems ihr Glück gemacht. Aus dem norddeutschen Armenhaus zwischen Osnabrück und Oldenburg wurde eine Vorzeigeregion mit rekordverdächtig niedriger Arbeitslosigkeit. Nun aber geht die Angst um in den Kreisen Emsland, Vechta, Cloppenburg und Osnabrück. Kommt die Vogelgrippe, droht eine beispiellose Massentötung von Puten und Hühnern.

Testlauf einer Maschine für die Geflügelvernichtung: Angst vor wirtschaftlichen Einbußen steigt
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Testlauf einer Maschine für die Geflügelvernichtung: Angst vor wirtschaftlichen Einbußen steigt

Treffen würde es nicht nur die Bauern in einer Region, die häufig als der deutsche Fleischtopf bezeichnet wird: Auch für Schlachtbetriebe und Veredlungswirtschaft geht es dann ums nackte Überleben. Rund 72 Millionen Stück Federvieh werden in Niedersachsen gehalten, das sind fast 60 Prozent des gesamten deutschen Bestandes. Und wiederum über 60 Prozent davon entfallen allein auf die vier Landkreise im Nordwesten des Bundeslandes.

Wenn hier auch nur ein Fall in einem Nutztierbestand nachgewiesen wird, kann dies in der Sperrzone von nur drei Kilometern bereits den Tod von weit über einer Million Tiere bedeuten. Mit Pardon aber können die Bauern nicht rechnen. Der zuständige Landwirtschaftsminister Hans-Heinrich Ehlen (CDU) hat sich bereits klar positioniert: "Hier muss der Staat mit voller Wucht reagieren."

Die Vogelgrippe

Virus

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Die Vogelgrippe, auch als Aviäre Influenza bekannt, ist eine hochansteckende Viruskrankheit und befällt vor allem Hühner und Puten, aber auch Wildvögel, Fasane und Perlhühner. Der Virusstamm H5N1 ist eine besonders aggressive Variante, die bei 80 bis 100 Prozent der erkrankten Tiere innerhalb weniger Tage zum Tod führt. In seltenen Fällen können sich auch Menschen anstecken. Weltweit wurden bisher über 300 solcher Fälle festgestellt, die meisten in Asien. Fast 200 Menschen starben. Die meisten hatten beruflich mit Geflügel zu tun.

Übertragen wird die Seuche von Tier zu Tier durch direkte Berührung, über Kot, Speichel und Tränenflüssigkeit oder über Kontakt mit infiziertem Material wie Transportkisten oder Eierkartons. Bei starker Staubentwicklung ist auch eine indirekte Ansteckung über die Luft möglich.

Symptome

Gefahr für Menschen

Behandlung

Vor drei Jahren konnte der Ausbruch der Geflügelpest in den benachbarten Niederlanden nur eingedämmt werden, indem rund 30 Millionen Stück Geflügel getötet wurden. Geschätzter Schaden: mindestens 500 Millionen Euro.

Halbherzige Maßnahmen wie in Mecklenburg-Vorpommern werde es in Niedersachsen nicht geben, kündigte Ehlen an. Das Land hat bereits vorgesorgt und eine regelrechte Tötungsmaschinerie organisiert. Tankwagen mit Kohlendioxid stehen verteilt übers Land bereit; das gleiche gilt für Container zur Vergasung kleinerer Bestände. Veterinäre, Polizeidirektoren, Kreisbrandmeister und Hilfsorganisationen wurden auf einer Konferenz auf rasches Handeln eingeschworen.

Geflügelzucht in Deutschland: Sorgen in Niedersachsen
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DER SPIEGEL

Geflügelzucht in Deutschland: Sorgen in Niedersachsen

Die Kapazität für die Vernichtung von Kadavern wurde in Niedersachsen auf 1,4 Millionen Tiere täglich mehr als verdoppelt; notfalls werden sie in Zementfabriken verbrannt oder an bereits festgelegten Plätzen vergraben. Das Landesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit in Oldenburg soll dabei die Regie führen.

Für ihr gekeultes Geflügel werden die Bauern aus der Tierseuchenkasse entschädigt, die Mitgliedschaft ist Pflicht. Das dicke Ende aber kommt erst nach der Tötung der Tiere. Bestenfalls nach ein bis zwei Monaten können neue Tiere aufgestallt werden. Dann aber werden sich viele Abnehmer längst andere Lieferanten aus Gegenden gesucht haben, in denen es keinen Ausbruch der Seuche gab.

Das absolute Transportverbot in Zonen mit jeweils zehn Kilometer Radius führt zudem dazu, dass Hähnchen und Puten nicht mehr zum vorgesehenen Zeitpunkt geschlachtet werden können. Auch schneidet ein solches Verbot die verarbeitenden Betriebe von ihrem Nachschub ab. Die Verbindung aus einer bis dahin in Deutschland unbekannten Intensität der Tierhaltung und der anschließenden Veredelung der Produkte vor Ort hat den Wohlstand in die Region gebracht, vom Bauern bis zum Hühnerbaron. Aber für sie alle gilt deshalb nun auch, was Landwirtschaftsminister Ehlen über die Folgen sagt, wenn das Virus grassiert: "Das wird für viele Betroffene sehr bedrückend sein."

Was auch in Deutschland geschehen könnte, ist derzeit in Indien zu besichtigen: Seit vergangener Woche hat die Vogelgrippe der dortigen Geflügelindustrie Einbußen von umgerechnet rund 930 Millionen Euro beschert, berichtete die Zeitung "The Hindu Business Line". Ein Sprecher des Branchenverbands im nordindischen Unionsstaat Uttar Pradesh sagte, mehr als 60 Prozent der 2,5 Millionen Beschäftigten hätten dort ihre Arbeit verloren.

mbe/AFP/AP

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