Vogelgrippe auf Rügen
Bundeswehr zieht Soldaten ab
Rund 3000 Vogelkadaver haben Hilfskräfte auf der Insel Rügen eingesammelt - die Insel gilt nach Behördenangaben als "sauber". Die Bundeswehr hat rund 250 Soldaten abgezogen. Mecklenburg-Vorpommern fordert eine Kostenerstattung vom Bund.
Schwerin - "Wir haben es geschafft: Die Insel ist sauber", sagte Rügens Landrätin Kerstin Kassner am heutigen Montag. Rund 3000 tote Vögel seien auf der Insel geborgen worden. Das Einsammeln der Tiere sei weitgehend abgeschlossen, erklärte Till Backhaus (SPD), Agrarminister von Mecklenburg-Vorpommern.
Auf Rügen zieht damit nach Ausbruch der Vogelgrippe vor knapp zwei Wochen langsam wieder Normalität ein. Am Rügendamm sollen am morgigen Dienstag die letzten Seuchenmatten verschwinden, sagte Rügens Amtstierarzt Bernd Nostitz in Drewoldtke auf Rügen. Rund 250 Bundeswehrsoldaten, die beim Einsammeln der toten Vögel halfen, kehrten zu ihren Einheiten in Sanitz und Laage bei Rostock zurück. Als Nachschub würden rund 90 Soldaten vom Logistikbataillon aus Burg bei Magdeburg erwartet und gemeinsam mit etwa 40 ABC-Soldaten auf Rügen im Einsatz sein.
"Die Lage war schwierig, wir wären ohne die Hilfe der Bundeswehr nicht zurechtgekommen", sagte Kassner. Es sei richtig gewesen, um Amtshilfe zu bitten. So habe man verhindert, dass das Virus Haustiere ansteckt. Das Ausrufen des Katastrophenalarms sei ein rein administrativer Akt gewesen.
Agrarminister Backhaus zufolge wurden 418.000 Tiere von 1200 Tierhaltern auf Rügen labordiagnostisch überprüft. "Es gibt kein Vogelgrippevirus in Haustierbeständen", sagte er. Von Wildgeflügel gehe keine Gefahr aus, wenn man tote oder sterbende Tiere nicht berühre.
Die Vogelgrippe
Die Vogelgrippe, auch als Aviäre Influenza bekannt, ist eine hochansteckende Viruskrankheit und befällt vor allem Hühner und Puten, aber auch Wildvögel, Fasane und Perlhühner. Der Virusstamm H5N1 ist eine besonders aggressive Variante, die bei 80 bis 100 Prozent der erkrankten Tiere innerhalb weniger Tage zum Tod führt. In seltenen Fällen können sich auch Menschen anstecken. Weltweit wurden bisher über 300 solcher Fälle festgestellt, die meisten in Asien. Fast 200 Menschen starben. Die meisten hatten beruflich mit Geflügel zu tun.
Übertragen wird die Seuche von Tier zu Tier durch direkte Berührung, über Kot, Speichel und Tränenflüssigkeit oder über Kontakt mit infiziertem Material wie Transportkisten oder Eierkartons. Bei starker Staubentwicklung ist auch eine indirekte Ansteckung über die Luft möglich.
Die Zeit von der Infektion bis zum Ausbruch der Krankheit beträgt meist 3 bis 14 Tage. Oft treten hohes Fieber, Atemwegsprobleme, Schwarzfärbung von Kamm und Kehllappen, Mattigkeit, Fressunlust, verminderte Legeleistung und Durchfall auf. Die Tiere können aber auch plötzlich tot umfallen oder ersticken.
Forscher sind besorgt, dass H5N1 mutieren könnte, bis es von Mensch zu Mensch übertragbar ist. Neuere Forschungsergebnisse bestätigen diese Befürchtung: Der Subtyp H1N1, der von 1918 bis 1920 als Spanische Grippe grassierte und bis zu 50 Millionen Tote forderte, war ein reines Vogelvirus, das sich an den Menschen angepasst hat. Denkbar ist auch eine Doppelinfektion eines Menschen oder eines Schweins mit menschlichen und tierischen Erregern. Dabei könnte sich eine Virus-Variante bilden, die eine verheerende weltweite Seuche - eine sogenannte Pandemie - auslösen könnte.
Zwei Medikamente können Menschen im unwahrscheinlichen Fall einer H5N1-Infektion helfen: Die antiviralen Medikamente Tamiflu (Roche) und Relenza (GlaxoSmithKline). Tamiflu gibt es als Tablette oder Saft, Relenza als Pulver, das inhaliert wird. Sie werden auch Neuraminidase-Hemmer genannt. Neuraminidase ist eine Eiweißstruktur an der Virushülle. Wird diese Struktur von den Medikamenten blockiert, können neu gebildete Influenza-Viren die Wirtszelle nicht mehr verlassen und sich daher nicht weiter im Körper ausbreiten. Die deutschen Bundesländer haben 2006 beschlossen, mehr als acht Millionen Dosen beider Medikamente als Vorsichtsmaßnahme kaufen. Sie sollen die Monate zwischen einem Pandemie-Ausbruch und der Entwicklung eines Impfstoffs überbrücken.
Die Schweriner Landesregierung hat nach Angaben von Backhaus Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) gebeten, dem Landkreis Rügen die Kosten für den Bundeswehreinsatz zu erlassen. Rügen gehört zu Merkels Wahlkreis. Außerdem bat Backhaus die Bundesregierung, eine bundesweite Informationskampagne zur Vogelgrippe zu initiieren. Die Bevölkerung sei über die Tierseuche noch nicht ausreichend informiert, auch nicht über die Wirksamkeit von Medikamenten. Erneut regte er ein norddeutsches Vogelgrippe-Kompetenzzentrum an.
hda/dpa/ddp
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