Von Holger Dambeck und Stefan Schmitt
Nichts fürchten Mediziner mehr, als dass das Vogelgrippe-Virus H5N1 mutiert und eine tödliche Seuche unter Menschen auslöst. Niemand kann derzeit sagen, wann und ob dies überhaupt passiert. Die Bundesregierung will sich nun mit einem 60 Millionen Euro schweren Forschungsprogramm auf den Fall der Fälle vorbereiten.
Das Kabinett billigte am heutigen Mittwoch in Berlin ein Vorhaben, mit dessen Hilfe Übertragungswege vom Tier zum Menschen erkundet werden sollen. Ziel ist nach Worten von Bundesgesundheitsministerin Ulla Schmidt (SPD) auch, einen Breitbandimpfstoff zu entwickeln, der gegen künftige von Mensch zu Mensch übertragbare Varianten des gefährlichen H5N1-Virus wirkt - ein äußerst ehrgeiziges Projekt.
Reinhard Kurth, Präsident des Robert-Koch-Instituts, sagte, ein solch universeller Impfstoff sei noch nicht in Sicht. "Wann er wirklich auf den Markt kommt, vermag niemand zu sagen. Ganz große Optimisten sagen, vielleicht schon Ende 2007." Die Industrie hat nach Kurths Angaben inzwischen mit der Forschung begonnen.
Erst in der vergangenen Woche hatte der ungarische Ministerpräsident Ferenc Gyurcsany verkündet, dass Ungarn das erste Land der Welt sei, in dem ein Impfstoff gegen den Vogelgrippe-Erreger H5N1 in die Massenproduktion gehen soll - ein Serum für Menschen.
Eine Ankündigung, über die Experten nur den Kopf schütteln. Der Hersteller des H5N1-Impfstoffs, die Firma Omninvest aus Pilisborosjenö bei Budapest, hatte erst im vergangenen Sommer Impferfolge bei Versuchstieren vermeldet. Bei der Weltgesundheitsorganisation WHO, der europäischen Arzneimittelagentur EMEA und der ungarischen Akademie der Wissenschaften wurde das Ominvest-Serum jedoch unisono für ungeeignet befunden. Zudem fehlten klinische Tests an Menschen, die nach westlichen Standards Jahre dauern.
Entsprechend skeptisch reagiert man am Berliner Robert-Koch-Institut (RKI) auf Nachrichten wie jene aus Ungarn. Menschen gegen H5N1 zu impfen sei nicht das Ziel internationaler Bemühungen, sagt RKI-Sprecherin Susanne Glasmacher zu SPIEGEL ONLINE, denn das H5N1-Virus richte sich gegen Vögel.
Menschen stecken sich nur in "extremen Ausnahmefällen" an, erklärt auch Susanne Stöcker vom Paul-Ehrlich-Institut (PEI) in Langen. Weltweit seien nur knapp 200 solcher Fälle bekannt, obwohl die Vogelgrippe seit Jahren im dicht bevölkerten Asien wüte.
Vogelgrippe-Serum für Menschen überflüssig
Statt einen medizinisch fragwürdigen H5N1-Impfstoff zu entwickeln, wird derzeit in andere Richtungen geforscht: Wissenschaftler arbeiten beipsielweise an einem Impfstoff-Prototyp, der sich leicht auf mutierte H5N1-Varianten anpassen lässt. Stöcker vergleicht das mit einem Rezept für Obstkuchen: "Wir wissen, wie der Kuchen gemacht werden soll, nur welches Obst draufkommt, wissen wir noch nicht."
Forscher sind sich einig, dass eine Pandemie drohen könnte, wenn das H5N1-Virus mutiert oder sich mit einem menschlichen Influenzavirus vermischt. Stoppen ließe sich der Erreger wahrscheinlich mit einem spezifischen Impfstoff. Wüsste man, wie er beschaffen ist, könnte man theoretisch schon jetzt beginnen, Impfserum zu produzieren. Das Problem ist jedoch, dass niemand weiß, welche Struktur der potentielle Pandemieauslöser hat. Kleinste Änderungen an der Oberfläche können schwerwiegende Folgen haben.
Die Firmen GlaxoSmithKline und Chiron haben bei der Europäischen Arzneimittelbehörde EMEA bereits ein entsprechendes Verfahren beantragt. Um Zeit bis zur Zulassung des eigentlichen Pandemie-Impfstoffs zu sparen, soll die Behörde das Verfahren zur Produktion des Serums bereits prinzipiell genehmigen. Das Paul-Ehrlich-Institut (PEI) bewertet im Auftrag der EMEA die Ansätze europäischer Forscher.
Wer wird zuerst geimpft?
Im Prinzip ist die Herstellung eines Pandemie-Vakzins ganz einfach: Man nimmt das gefährliche Virus, vermehrt es, tötet es ab und produziert daraus einen Impfstoff. Doch ob es gelingt, im Falle einer Pandemie ein spezifisches Schutzmittel schnell genug und in ausreichender Menge herzustellen, kann derzeit niemand sagen. Zwar produzieren Pharmakonzerne jedes Jahr allein für Deutschland rund 20 Millionen Impfdosen gegen die saisonale Influenza. Dafür haben sie aber auch Monate zur Verfügung - Zeit, die es im Fall einer drohenden Pandemie nicht gibt.
Ein Pandemie-Impfstoff wird nach Angaben von PEI-Sprecherin Stöcker das gesamte, allerdings abgetötete Virus enthalten. Dadurch müsse man zwar mit stärkeren Nebenwirkungen rechnen, allerdings sei die Immunisierung wirksamer. Impfseren gegen die normale Grippe enthalten nur abgespaltene Teil des Influenzavirus. Nebenwirkungen wie Fieber, Schmerzen oder Schwellungen treten so seltener auf.
"Wenn es darum geht, eine Pandemie zu verhindern, sind stärkere Nebenwirkungen aber das kleinere Übel", sagt Stöcker. Der Impfstoff-Prototyp dürfte zudem schneller herstellbar sein als ein herkömmliches Influenza-Serum. Am Paul-Ehrlich-Institut geht man davon aus, dass es 15 Wochen dauern würde, bis die gesamte Bevölkerung Deutschlands einmal geimpft ist. "Die Viren müssen in Eiern vermehrt werden - das braucht Zeit", erklärt Stöcker.
Eine Pandemie läuft in der Regel in zwei bis drei Wellen um die Welt. Bei der ersten Welle könnten Medikamente wie Tamiflu oder Relenzadas Schlimmste verhindern. Bei der zweiten Welle sollten alle Menschen bereits geimpft sein, hofft Stöcker. Was eine Pandemie anrichten kann, zeigte sich 1918, als die Spanische Grippe - ein Virus vom Typ H1N1 - binnen weniger Monate bis zu 50 Millionen Menschen dahinraffte.
Die anfängliche Knappheit des spezifischen Impfstoffs könnte Regierungen künftig aber auch in Entscheidungsnöte bringen: Wer soll zuerst geimpft werden, wer muss warten? Bleibt zu hoffen, dass der hochpathogene H5N1-Abkömmling nie entsteht.
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