Von Markus Becker und Matthias Gebauer
Das Manöver "Heiliger Prophet", sagte Konteradmiral Morteza Saffari, begann mit "einer Botschaft des Friedens und der Freundschaft": dem Abschuss einer "Shahab-2"-Mittelstreckenrakete. Seitdem schießen die iranischen Streitkräfte nahezu täglich ähnliche Friedensbotschaften vom Persischen Golf in Richtung westliche Welt.
Am vergangenen Freitag verbreiteten Nachrichtenagenturen erste Eilmeldungen darüber, dass Iran eine Rakete des Typs Fajr-3 getestet habe, die für gegnerisches Radar nahezu unsichtbar sei. "Diese Rakete kann mehrere Ziele zugleich treffen, ist sehr wendig und äußerst präzise", prahlte der iranische General Hussein Salami. Zudem besitze die Rakete Stealth-Fähigkeiten, die sie für gegnerisches Radar nahezu unsichtbar machten.
Das iranische Staatsfernsehen meldete später, die Reichweite der Rakete sei vergleichbar mit dem Aktionsradius der bereits bekannten Shahab-3-Rakete, die mit einer Reichweite von 1300 bis 2000 Kilometern bis nach Israel reichen soll. Eine ballistische Mittelstreckenrakete mit Mehrfach-Sprengkopf und Stealth-Eigenschaften - damit wäre das iranische Mullah-Regime an der Weltspitze in der Raketentechnik. Da störte es offenbar wenig, dass die Fajr-3 nach Angaben der Federation of American Scientists bis dato als taktische Rakete mit einer Reichweite von lediglich 45 Kilometern bekannt war.
Entsprechend skeptisch reagieren westliche Experten. Um eine Rakete für das gegnerische Radar unsichtbar zu machen, gibt es nach Angaben eines deutschen Sicherheitsexperten nur zwei Möglichkeiten: Entweder fliege sie ferngelenkt wie ein Marschflugkörper unter der Radargrenze von etwa 300 Metern, oder sie verfüge über eine Außenhaut, die Radarwellen zerstreut und schluckt - wie die ultra-modernen, aber auch extrem teuren Stealth-Bomber der USA.
Iran an der Weltspitze der Raketentechnologie?
Ob die Iraner allerdings über solche Stealth-Technologie verfügen, erscheint zweifelhaft. Mit der Entwicklung von Tarnkappen-Raketen hat selbst das US-Militär so seine Probleme. 1986 begann unter Führung der Air Force die Entwicklung der "Tri-Service Standoff Attack Missile", die in ihrer Gestalt stark an die heutigen Stealth-Bomber erinnert. 1994 wurde das Programm jedoch wegen zu hoher Kosten aufgegeben. Der Nachfolger, die "Joint Air-to-Surface Standoff Missile" (JASSM), eine Cruise Missile mit Stealth-Eigenschaften, wird derzeit erst bei den US-Streitkräften eingeführt.
Eine für das Radar unsichtbare Rakete mit Mehrfach-Sprengkopf, die möglicherweise auch Nuklearsprengköpfe tragen könnte, wäre in erster Linie ein politischer Sprengsatz: Sie könnte den alten Traum der Atomkriegs-Strategen wahr machen, den Gegner zu treffen, ehe er seine eigenen Raketen losschicken kann.
Die Reaktion aus Israel kam prompt: "Viele Staaten teilen die Besorgnis über Irans aggressives Atomwaffenprogramm und seine Bemühungen, parallel dazu Marschflugkörper und ballistische Raketen zu entwickeln", sagte ein Sprecher des israelischen Außenministeriums. "Die Kombination aus extremistischer Dschihad-Ideologie, Atomwaffen und Trägersystemen kann niemanden in der internationalen Gemeinschaft kalt lassen."
Super-Torpedo aus Russland
Die Iraner taten danach alles, um die Unruhe zu schüren. Gestern verkündete das Militär den erfolgreichen Test eines extrem schnellen Torpedos. Das Geschoss könne jedes Schiff und jedes U-Boot vernichten - "in jeder Tiefe und bei jeder Geschwindigkeit", hieß es im iranischen Staatsfernsehen. Am heutigen Mittwoch folgte dann die Vorführung einer weiteren Stealth-Rakete namens Kowsar, die auf mittlere Entfernung feindliche Schiffe versenken soll. Auch ein mysteriöses fliegendes Boot präsentierten die Iraner.
Westliche Experten reagieren auch auf dieses Propaganda-Feuerwerk weitgehend unbeeindruckt. Der Wunder-Torpedo etwa wurde schnell als Kopie des russischen VA-111 "Shkval" bezeichnet, eines sogenannten Kavitationstorpedos. Das Unterwasser-Projektil besitzt einen Raketenmotor, bewegt sich innerhalb einer Gasblase durchs Wasser und erreicht dadurch enorme Geschwindigkeiten. Die Iraner behaupten, ihr Torpedo habe 360 Kilometer pro Stunde erreicht.
Das Kavitationsprinzip hat allerdings einen bedeutenden Nachteil: Ein solcher Torpedo ist kaum lenkbar und hat eine sehr begrenzte Reichweite. Deshalb, erklären Rüstungsexperten übereinstimmend, sei nur ein direkter Schuss auf kurze Entfernung effektiv - ein Anachronismus in der heutigen Seekriegsführung. Der Torpedo sei eine reine Verteidigungswaffe für U-Boote, erklärte ein deutscher Fachmann. "Das Teil ist in der Tat schnell, doch man kann es nicht lenken." Interessant war demnach für die Experten bei den Geheimdiensten lediglich, dass die Iraner über die Waffe verfügen.
"Die Iraner übertreiben gern"
Völlig ausschließen wollten westliche Militärs zwar nicht, dass in den iranischen Behauptungen zumindest ein Körnchen Wahrheit steckt. "Wir wissen, dass die Iraner immer versuchen, ihre Waffensysteme sowohl durch ausländische als auch durch eigene Maßnahmen zu verbessern", sagte Pentagon-Sprecher Bryan Whitman. "Es ist möglich, dass sie Fortschritte bei radarabsorbierenden Materialien und Technologien machen." Allerdings seien die Iraner auch "dafür bekannt, dass sie prahlen und ihre Aussagen über technische und taktische Fähigkeiten gern übertreiben".
Der US-Waffenexperte Aaron Karp ist sich sicher, dass die Iraner daran arbeiten, ihre Raketen für gegnerische Systeme schwerer erkennbar zu machen. "Es gibt vieles, das billig und technologisch nicht sehr anspruchsvoll ist", sagte der Wissenschaftler der Old Dominion University in Virginia im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. "Es gibt Beschichtungen für Sprengköpfe, man kann die Flugbahn oder die Schubzeiten der Raketen verändern. All das beeinflusst die Fähigkeit von Abwehrsystemen, Raketen zu verfolgen und abzufangen."
Die Prahlerei der Iraner überrascht Karp keinesfalls. "Das tun sie seit 20 Jahren." Wichtiger seien die politischen Hintergründe. Denn nach dem Ende der Atom-Verhandlungen ist ein Angriff auf Iran - sei es durch die USA oder Israel - zumindest näher gerückt. Fast jede Woche erscheinen in US-Zeitungen und in Israel Szenarien für gezielte Schläge auf Atomanlagen.
"Das Vorführen von militärischem Gerät ist ein wichtiges Element der iranischen Politik", sagt Karp. "Ob die technischen Einzelheiten stimmen, ist fast zweitrangig. Die Iraner zeigen ihre Ambition, ein wichtiger Machtfaktor im Nahen Osten zu werden. Und diese Ambition ist sehr real."
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