Dresden/Riems/Berlin - "Spätestens morgen müssten wir auch sagen können, ob es sich um die hochansteckende Asia-Variante des Vogelgrippe-Erregers handelt", sagte Elke Reinking vom Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) auf der Insel Riems zu SPIEGEL ONLINE. Am FLI war H5N1 bei den Tieren aus dem größten Geflügelbetrieb Sachsens in Wermsdorf bestätigt worden - der erste Fall von Vogelgrippe bei Nutztieren in Deutschland.
Fest steht allerdings, dass es sich um hochpathogene Erreger handelt. Sie haben bestimmte genetische Eigenschaften, die es ihnen ermöglichen, Wirtszellen besonders leicht zu befallen.
Ob es sich um Viren vom Asia-Typ handle, werde die Gensequenzierung zeigen, die gegenwärtig laufe, sagte Reinking. Diese Untersuchung dauere länger als die reine H5N1-Diagnose. Das Ergebnis werde erst am Donnerstag vorliegen.
Bislang hatten sich fast alle H5N1-Fälle in Deutschland später auch als hochansteckender Asia-Typ herausgestellt. Er wurde bislang bei Wildvögeln, Katzen und Steinmardern nachgewiesen. "Es würde uns nicht überraschen, wenn es die hochpathogene Asia-Variante wäre", sagte FLI-Sprecherin Reinking. Schließlich sei diese auch bei den Funden in Bayern, Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern festgestellt worden.
Furcht vor Handelsverboten durch Drittstaaten
Von dem Tierseuchenausbruch betroffen ist ein Stall mit 1400 Puten, von denen die Hälfte bereits verendet ist, wie der zuständige Landrat bei einer Pressekonferenz im Grimma mitteilte. Am Nachmittag sollen zunächst die Puten des Hofs getötet werden, indem Kohlendioxid in ihre Ställe geleitet wird - insgesamt 8500. Danach sollen jeweils rund 3500 Hühner und Gänse folgen. Für die Gänse sei eine Elektroschock-Tötungsanlage aus Thüringen angefordert.
Um den betroffenen Geflügelmastbetrieb bei Leipzig wurde ein Sperrbezirk mit einem Radius von drei Kilometern angeordnet, ebenso ein Beobachtungsgebiet mit einem Radius von zehn Kilometern.
"Sollte es sich wirklich um die hochpathogene Variante der Vogelgrippe handeln, müssen wir mit Handelsbeschränkungen rechnen", sagte Tanja Thiele vom Berliner Verbraucherschutzministerium zu SPIEGEL ONLINE.
Länder mit Vogelgrippe im Nutztierbestand müssen der EU überzeugend ihre seuchenhygienischen Maßnahmen darlegen. Andernfalls kann Brüssel nachfordern. Viele Drittstaaten haben Staaten mit H5N1 im Nutztierbestand bereits mit Exportverboten oder -beschränkungen belegt.
Betroffener Betrieb durfte Gänse ins Freie lassen
Gestern ist Fleisch aus dem betroffenen Betrieb zurückgezogen worden. Der Amtstierarzt des Landkreises Muldental sagte bei einer Pressekonferenz in Grimma, alle Produkte würden vernichtet. "Vor 14 Tagen hatten wir erst Proben in dem Betrieb genommen", sagte er, "umso erschütternder, dass das Virus heute vorliegt."
Bei der Pressekonferenz, an der auch die sächsische Sozialministerin Helma Orosz (CDU) und der zuständige Landrat teilnahmen wurde außerdem bekannt: Der Betrieb in Wermsdorf hatte für die dort gehaltenen Gänse eine Ausnahmegenehmigung. Trotz des Aufstallungsgebots seit den ersten Vogelgrippefällen auf Rügen durften die Gänse weiterhin im Freien getränkt werden. Außerdem sei bereits Mitte Dezember H3N8, ein anderes, wenig ansteckendes Vogelgrippevirus gefunden worden.
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) äußerte sich besorgt. Dies sei eine "ernste Situation", sagte sie in Berlin und forderte die Behörden auf, alles zu tun, was die EU verlange. Der Generalsekretär des Bauernverbands, Helmut Born, befürchtet keine großflächige Ausbreitung der Tierseuche im Nutzgeflügel.
Vor dem Fall in Sachsen hatte es in Deutschland bei Nutzgeflügel nur Verdachtsfälle aufgrund von Grippeviren gegeben. Nähere Analysen hatten dann gezeigt, dass es sich dabei doch nicht um die Tierseuche handelte:
Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) beruhigte die Verbraucher: Die Gefahr für Menschen wachse durch die Fälle in Sachsen kaum. Auch dort, wo die Vogelgrippe seit Jahren kursiere, sei bislang kein Fall beschrieben, in dem die Infektion der Tierseuche über Lebensmittel auf den Menschen übertragen wurde. Um auf "Nummer sicher" zu gehen, sollten alle Geflügelprodukte bei mindestens 70 Grad durchgegart werden - bis das Fleisch auch im Inneren nicht mehr rosa ist.
stx/AFP/ddp/dpa/rtr
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