Von Dirk Husemann
Die Völkerkundler kennen vier Motive, aus denen Kriege entstehen können. Verteidigung und Rache, Revier und Eigentum, Trophäen und Ehre, Eroberung und Unterdrückung. Eine andere, populäre Theorie erklärt Krieg mit dem angeblichen Killerinstinkt des Menschen – eine Behauptung, die Krieg zu etwas Biologischem und damit Unausweichlichem heranwachsen lässt. Doch in der Geschichtsforschung setzt sich mehr und mehr die Meinung durch, dass jeder Krieg nur aus seinem eigenen historischen Zusammenhang betrachtet werden kann. Einen universellen Grund für Gewalt zwischen Gruppen gibt es demnach nicht.
Eine Entdeckung, in der ritueller und gewaltsamer Tod eindeutig unterschieden werden können, stammt aus Nordafrika. In Jebel Sahaba, im Sudan, entdeckte der amerikanische Anthropologe Fred Wendorf in den 1960er Jahren die Überreste von 59 Menschen. 24 von ihnen waren nachweislich durch Gewalteinwirkung zu Tode gekommen. In ihren Gräbern lagen steinerne Pfeilspitzen, in einigen Fällen steckten die Projektile noch in den Knochen der Skelette.
Auch für jene, die nicht in den Gebeinen verblieben waren, konnte Wendorf ausschließen, dass sie als Grabbeigabe verwendet worden waren: Alle 110 Spitzen lagen so zwischen den Skeletten, dass sie bei der Bestattung in den Körpern gesteckt haben mussten. Das Verhältnis zwischen Männern und Frauen war in etwa ausgewogen, auch einige Kinderskelette zeigten Spuren von Verletzungen. Auffällig waren die Überreste einer Frau, deren Gebein ein Dutzend Brüche aufweist. Solche Wunden entstehen beim Nahkampf oder durch Schläge von mehreren Angreifern gleichzeitig.
Bis heute ist nicht bekannt, ob die Toten von Jebel Sahaba alle zur selben Zeit bestattet wurden oder ob der Friedhof über Jahre hinweg benutzt worden ist. Wendorf entdeckte in der Nähe eine weitere Begräbnisstätte aus derselben Zeit und machte eine erstaunliche Entdeckung. In diesen Gräbern lag kein einziger Toter mit Verletzungen. Dieser Unterschied macht wahrscheinlich, dass Jebel Sahaba eine Grabstelle war, in dem nur jene zur letzten Ruhe gelegt wurden, die eines gewaltsamen Todes gestorben waren. Ein Massaker ist demnach vermutlich auszuschließen.
Die Ereignisse von Jebel Sahaba liegen 12.000 Jahre zurück. Zu dieser Zeit lebte der Mensch in Nordafrika schon in einer weiter entwickelten Kultur als in Europa. Das Mesolithikum hatte sich im südlichen Mittelmeerraum und in Teilen Afrikas früher herausgebildet und zeigte bereits erste Spuren der Jungsteinzeit: Im Niltal bauten die Menschen der Qudankultur während der Ereignisse von Jebel Sahaba bereits Getreide an, sie kannten die Feldbewässerung und verschiedene Erntetechniken. Damit entsprechen die gesellschaftlichen Zustände zur Zeit der Begräbnisse im Sudan in etwa denen, wie sie in Mitteleuropa um 7000 v. Chr. herrschten.
Böses Erwachen im Morgenrot
Damals ereignete sich in der Nähe des heutigen Heilbronn ein Gewaltakt, der belegt, dass auch in Europa die ersten Tage der Zivilisation mit Blut getränkt waren. Das Massengrab von Talheim gilt als Paradebeispiel für Gewalttätigkeiten auf Grund der Sesshaftigkeit. Hier entdeckte ein Hobbygärtner im Jahr 1983 die Überreste einer erschlagenen Steinzeitsippe. Die Toten lagen über- und untereinander auf dem engen Raum von 1,5 mal 2,5 Metern – das entspricht einem modernen Dreifachgrab. In dieser Grube aber befanden sich 34 Leichen. Sie waren nicht sorgsam bestattet, sondern achtlos verscharrt worden. Ihr Alter: 7700 Jahre.
Was war da in grauer Vorzeit an den Hängen des Schozachtals geschehen? Jene unglücklichen Menschen aus der Jungsteinzeit lebten vermutlich in mehreren Wohn-Stall Häusern gemeinsam mit ihrem Vieh unter einem Strohdach. In den Häusern schliefen neun erwachsene Männer, neun Frauen sowie 16 Kinder und Jugendliche. An die statistischen Maße unserer heutigen Gesellschaft angelegt, lebten hier drei Großfamilien.
Innerhalb weniger Stunden war die Idylle am Morgen der Zivilisation zerstört. Eine feindliche Gruppe stürmte das Dorf und erschlug die Familien. Dann hoben die Unbekannten eilig eine Grube aus und verscharrten die Leichen. Was sie an Geschirr in den Häusern fanden, zerschlugen sie und bedeckten damit die Toten – vermutlich, damit diese nicht von Tieren ausgegraben werden konnten. Damit ist die Bestandsaufnahme beendet. Gewiss ist nur, dass die Talheimer durch Gewalteinwirkung starben. 59 Prozent der Skelette zeigen schwere Schädelverletzungen. Fast alle waren tödlich.
Ohne Brüche blieben hingegen Arme und Schultern der Skelette. Dort hinterlassen Kämpfe Mann gegen Mann jedoch am häufigsten Wunden durch Abwehrbewegungen. Die Unversehrtheit dieser Partien an allen 34 Skeletten deutet darauf hin, dass die Opfer die Arme nicht gehoben haben, um sich zu schützen. Vermutlich wurden sie entweder von den Angreifern im Schlaf überrascht oder auf der Flucht von hinten erschlagen.
Bislang galt Talheim in der Archäologie als Beleg für Handgreiflichkeiten in der Steinzeit. Keine abgetrennten Schädel wie in der Großen Ofnethöhle, kein ritueller Kannibalismus – hier wurde einfach zugeschlagen. Eigentum macht angreifbar. Im Archiv des Landesamts für Bodendenkmalpflege Baden-Württemberg jedoch entdeckte kürzlich ein Sachbearbeiter mikroskopisch feine Schnittspuren auf Talheimer Schädeln. Solche Marken aber sind Hinweise auf Entfleischung und damit auf eine rituelle Handlung.
Die Gewaltorgien der Steinzeit scheinen Fantasieprodukte der Gegenwart zu sein. Vielmehr entpuppt sich der neolithische Kulturschock mehr und mehr als Friedensstifter: Nur wenige Kilometer von Talheim entfernt gelang es Bauern und Jägern, in einer Gemeinschaft zusammenzuleben. Das fand 2003 der Anthropologe Douglas Price von der University of Wisconsin heraus. Er untersuchte die Knochen eines jungsteinzeitlichen Friedhofs am Viesenhäuser Hof und analysierte die Strontium-Isotope in den Zähnen der Bestatteten.
Die chemischen Elemente verrieten, wo sich die Menschen seit ihrer Kindheit aufgehalten und welche Nahrung sie bevorzugt hatten. Ergebnis: Am Viesenhäuser Hof lebten zum einen Menschen, die ihr gesamtes Leben dort verbracht und die örtlichen Nahrungsquellen genutzt hatten. Ein anderer Teil aber war zugewandert. Price erkannte, dass sich eine Gruppe von Jägern und Sammlern den hier sesshaften Bauern angeschlossen hatte. Die neuen Nachbarn müssen sich perfekt assimiliert haben. In der Steinzeitkommune herrschte Harmonie.
Dirk Husemann ist Archäologe sowie freier Journalist und Autor in Ostbevern bei Münster.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wissenschaft | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Mensch | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH