Von Axel Karenberg
Sind solche psychologischen Konzepte vielen Menschen unvertraut, bezeichnen einige Anleihen an die griechische Mythologie Aspekte eines allgemein bekannten und gefürchteten Phänomens: der Panik. Dieser Begriff geht zurück auf den arkadischen Hirtengott Pan – ein Wesen von halb menschlicher, halb tierischer Gestalt, mit Bocksfüßen, dichtem Fell und kleinen Hörnern. Ihm schrieb man es zu, wenn Tierherden unvermittelt und ohne ersichtlichen Grund in heftige Unruhe gerieten, und daher ließ er sich ebenso gut als Namenspatron für die plötzliche Kollektivfurcht bei Menschen verwenden.
Ein zweiter Urheber von Schreckenszuständen war Phobos, Sohn und Begleiter des griechischen Kriegsgotts Ares. Mit unzähligen Armen und Stimmen vermochte er die tapfersten Krieger in heillose Flucht zu schlagen. Heute lugt dieser Dämon des Grauens auch im Alltag allenthalben hervor, selbst eine harmlose Spinne im Schlafzimmer kann die Nacht zur Hölle machen. Psychologen kennen inzwischen mehr als 500 Formen von Phobien.
Mythen liefern Archetypen der Andersartigkeit
Für Dichter und Maler künstlerisch inspirierender waren die Verwandlungen des Jünglings Narkissos, den die Römer Narcissus nannten. Die für die Nachwelt anregendste Version schuf der römische Dichter Ovid (43 v.–17 n. Chr.) in seinen "Metamorphosen". Ihm zufolge verliebte sich die Nymphe Echo in den Jüngling, der ihre Werbung jedoch zurückwies – er war sich selbst genug. Daraufhin zog sich die Verschmähte kummervoll in die Einsamkeit der Felsklüfte zurück und ließ nur noch gelegentlich ihre Stimme hören.
Den beziehungsunfähigen Einzelgänger bestrafte Nemesis, die Göttin der Vergeltung, auf besondere Weise: An einem klaren Wasser erblickte Narkissos sein Spiegelbild und konnte sich nicht mehr davon trennen. Elendig siechte er dahin, bis nur noch die gleichnamige Blume an seiner statt zurückblieb. Um 1900 verwendete der britische Essayist und Arzt Henry Havelock Ellis den Ausdruck "Narcissus-like tendency" als Synonym für "self-admiration". Über verschiedene Zwischenstufen wurde der Narzissmus schließlich ein Kernbegriff im Vokabular der psychoanalytischen Krankheits- und Kulturtheorie.
Nur wenige Legendengestalten bereichern den Wortschatz der Pharmazeuten. Seit Mitte des 18. Jahrhunderts werden Substanzen, welche das sexuelle Verlangen anregen und die Potenz kräftigen, als Aphrodisiaka bezeichnet – eine Hommage an die Liebesgöttin Aphrodite. Die Zeustochter Atropos hingegen, die als Schicksalsgöttin den Lebensfaden der Sterblichen durchschnitt, verdankt ihre ungebrochene Präsenz einem berühmten Naturforscher und Arzt: Carl von Linné (1707–1778) ordnete die hochgiftige und nicht selten todbringende Tollkirsche einer Pflanzengattung zu, die er Atropa taufte. Davon leitet sich der bis heute geläufige Name des Heilmittels Atropin ab. Noch bekannter ist das Morphium. Zur Erinnerung an Morpheus, den Gott der Träume, gab der Apotheker Friedrich Wilhelm Sertürner 1817 dem von ihm entdeckten betäubenden und schmerzlindernden Wirkstoff des Schlafmohns seinen Namen.
Weshalb haben sich Medizin und Naturwissenschaften über Jahrhunderte der Götter und Sagenhelden bedient? Und warum nutzten sie nur bestimmte Figuren, nicht aber Zeus oder Ares, Juno oder Antigone? Die Antwort liegt auf der Hand: Medizin und Psychologie sind Wissensbereiche, die sich per se mit körperlicher und seelischer Abnormität befassen. Im Allgemeinen machten deshalb nur solche Sagengestalten als Namenspatrone Karriere, die ausgeprägte Normabweichungen verkörperten. Mythologische Figuren bilden geradezu idealtypische Repräsentationen des Gemeinten.
Oft verbindet eine Formähnlichkeit die Originalfigur mit der medizinischen Dublette, in anderen Fällen beziehen sich von Mythen inspirierte Krankheitsnamen auf einen markanten Wesenszug. Dabei dominiert eindeutig der griechische Sagenkreis, erst mit weitem Abstand folgen die römische, ägyptische und germanische Mythologie. Beinahe wie Sprachfossile aus der Frühzeit der Wissenschaft erscheinen diese "Mythonyme" im heutigen Fachjargon. So hat die Parze das Band, das uns mit der alten Welt, ihrer Kunst und ihrer Literatur verbindet, noch nicht endgültig zerschnitten.
Axel Karenberg lehrt Geschichte und Ethik der Medizin an der Universität zu Köln.
Auf anderen Social Networks posten:
HilfeLassen Sie sich mit kostenlosen Diensten auf dem Laufenden halten:
| alles aus der Rubrik Wissenschaft | Twitter | RSS |
| alles aus der Rubrik Mensch | RSS |
© SPIEGEL ONLINE 2006
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung der SPIEGELnet GmbH