Früher war sie den Fürsten vorbehalten, heute ist die Sectio caesarea auch im Volk weitverbreitet, zumindest in den Industrieländern. In Deutschland werden fast drei von zehn Kindern per Kaiserschnitt entbunden - in den letzten zehn Jahren stieg die Quote um 10 auf derzeit 27 Prozent. Auch in Entwicklungsländern wird die Sectio häufiger - zur Sorge von Gesundheitsexperten.
Kaiserschnitt-Kind: In Deutschland kommen 27 Prozent per Kaiserschnitt zur Welt, auch in armen Ländern nimmt die Rate zu
"Hohe Anteile von Kaiserschnittgeburten könnten Mütter und Kinder bedrohen", schreiben die Forscher um José Villar von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) in Genf in der britischen Fachzeitschrift "The Lancet". Eine große Zahl von Kaiserschnittgeburten bedeute nicht zwangsläufig eine gute Versorgung, heißt es weiter - im Gegenteil.
Neben dem erhöhten Risiko für Mutter und Kind beklagten die Forscher auch eine unnötige Geldverschwendung. So koste jeder Kaiserschnitt umgerechnet rund 274 Euro mehr als eine natürliche Geburt. Die Entbindung per Operation wird häufig empfohlen, wenn das Becken für eine vaginale Geburt zu eng ist, das ungeborene Kind oder die Mutter in Gefahr sind oder die Mutter Mehrlinge erwartet.
Sozialer Druck und Promi-Vorbilder mitverantwortlich
Die Untersuchung fand in 120 privaten und öffentlichen Kliniken in Argentinien, Brasilien, Kuba, Ecuador, Mexiko, Nicaragua, Paraguay und Peru statt. Die steigende Zahl von Kaiserschnittgeburten in den untersuchten Ländern habe unterschiedliche Ursachen, die vom Rechtssystem bis hin zu sozialem Druck reiche, heißt es in der Studie. Auch die Vorbildrolle Prominenter thematisierten die Autoren.
Tatsächlich haben sich im angelsächsischen Bereich Slogans wie "too posh to push" (sich fürs Pressen zu fein zu sein) oder "save your love channel" (schütze deinen Liebeskanal) fest etabliert. Prominente Mütter wie die ehemaligen Mitglieder der britischen Band "Spice Girls" Gerry Halliwell und Victoria Beckham gelten als Beispiele für den Trend zu beckenschonenden Mode-Kaiserschnitten. Beckham hatte gar den Termin für die Geburt per Sectio caesarea so festgelegt, dass dieser zwischen zwei Fußballspielen ihres Mannes David lag.
In armen Ländern wirken solche Beispiele offenbar kontraproduktiv. "Zusammenfassend deuten hohe Kaiserschnitt-Quoten nicht zwangsläufig auf eine hohe Qualität in der Pflege und Versorgung hin", schreibt Villar. Tatsächlich sollten sich Krankenhäuser, in denen es viele Kaiserschnitte gebe, einer rigorosen Überprüfung der Versorgungsqualität unterziehen - damit der vermeintliche medizinische Fortschritt sich nicht ins Gegenteil verkehre.
stx/AFP
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